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V.Verfassungskonventionsrechtliche Aspekte der Online-Kommunikation

1.Recht auf Zugang zu Onli Informationen

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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.

2.Verantwortlichkeit für rechtswidrige Äusserungen

A.Haftung für Links und anderes Weiterverbreiten

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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.

B.Haftung für Kommentare von Dritten

92Im EGMR-Urteil „Sanchez c. Frankreich” N° 45581/15 vom

02.09.2021 [IL 2] akzeptierte die 5. Kammer mit 6 zu 1 Stimmen die Geldstrafe gegen einen rechtsstehenden Politiker wegen Aufstachelung zu Hass oder Gewalt. Der Politiker des Front National hatte es unterlassen, hasserfüllte und eindeutig rechtswidrige Postings gegen Muslime auf seiner Facebook-Pinnwand rechtzeitig zu entfernen. Nach Ansicht der Gerichtsmehrheit hätte es Sanchez klar sein müssen, dass sein Account wahrscheinlich polemische Kommentare anziehen würde, — Seite 52 —die er sorgfältiger hätte überwachen müssen. Wegen seiner grundsätzlichen Tragweite ist dieser Fall der Grossen Kammer (17 Gerichtspersonen) zur Beurteilung vorgelegt worden.

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K o m m e n t a r : D i e G r o s s e K a m m e r d e s E G M R h a t d i e s e richtungsweisende Angelegenheit am 29. Juni 2022 öffentlich verhandelt. In seinem Urteil BGE 148 IV 188 E. 3.3.1 S. 195ff.

(Kommentar auf Facebook-Pinnwand eines SVP-Politikers) hatte sich das Bundesgericht im April 2022 recht ausführlich mit dem Urteil der 5. EGMR-Kammer auseinandergesetzt. Dabei unterstrich es die Unterschiede zwischen der strengeren französischen und der schweizerischen Rechtslage.

94In BGer 5A_758/2020 (Obersee-Nachrichten) vom 03.08.2021 liess

die II. zivilrechtliche Abteilung die bedeutende (und von der V o r i n s t a n z b e j a h t e ) F r a g e o f f e n , o b Zeitungsverantwortlichen eine Solidarhaftung (Art. 50 Abs. 1 OR) für Leserbriefe und weitere Kommentare Dritter trifft, weil ihre rechtswidrigen redaktionellen Berichte die Stimmungslage derart aufgeheizt hatten, dass Chefredaktor und Verleger mit gehässigen Reaktionen der Leserschaft rechnen mussten (E. 8.2.3 und 8.4.1).

C.Weitere Aspekte

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Um die richterlich angeordnete Herausgabe der Angaben zu registrierten Nutzern und Nutzerinnen eines Onlineportals ging es im grundlegenden EGMR-Urteil „Standard Verlagsgesellschaft mbH c. Österreich (no. 3)” (Offenlegung anonymer User)N°

3 9 3 7 8 / 1 5 v o m 0 7 . 1 2 . 2 0 2 1 [ I L K e y c a s e s ] . D e n e r s t e n Strassburger Entscheid zum Recht auf Anonymität für nutzergenerierte Inhalte auf Nachrichtenportalen provozierten drei Kommentierende, die unter einem Pseudonym massive Kritik an Politikern der Freiheitlichen Partei in Kärnten (FPK) und — Seite 53 —der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) geübt hatten. Die Kommentare setzten die Politiker mit Korruption und Neonazis in Verbindung. Die Betreiberin des Online-Nachrichtenportals derStandard.at löschte die Nutzerkommentare zeitnah. Die Ziviljustiz verpflichtete das Medienunternehmen aber zur Offenlegung der Useridentität (Vor- und Nachnamen sowie Mailadresse), zwecks zivil- und strafrechtlicher Verfolgung der Kommentarverfassenden. Das Medienunternehmen bestritt die diffamierende Natur der Kommentare und berief sich auf das Recht zum Schutz journalistischer Quellen.

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In seinem einstimmigen Urteil verneinte der Gerichtshof zwar,

d a s s h i e r d e r Q u e l l e n s c h u t z a u f g r u n d Redaktionsgeheimnisses greift: Die User und Userinnen könnten nicht als exklusive Quellen für die Medienschaffenden angesehen werden, denn sie richteten sich eindeutig an die Allgemeinheit. Die Medienfreiheit sei aber sehr wohl tangiert:

Gerade für Medienunternehmen sei es essentiell, dass sie die für den Austausch kontroverser Meinungen bedeutsame Anonymität ihrer Userinnen und User auch selbst verteidigen können. Die Pflicht zur Offenlegung könne eine abschreckende Wirkung („chilling effect“) auf Online-Kommentierende und folglich auf deren Beteiligung an der öffentlichen Debatte entfalten, was indirekt wiederum die Medienfreiheit des Verlagshauses schmälere. In diesem Zusammenhang verwies der EGMR auf die E r k l ä r u n g d e s M i n i s t e r k o m i t e e s d e s E u r o p a r a t s z u r Kommunikationsfreiheit im Internet vom 28. Mai 2003, die das Prinzip der Anonymität von Internetnutzenden unterstützt. Anonymität diene dem freien Fluss der Meinungen. Sie sei ein legitimes Mittel, um Repressalien oder unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden. Nach Ansicht des EGMR waren die politischen Kommentare zwar ausfällig und respektlos, aber weder als Hassrede noch als Gewaltaufruf noch sonstwie als offensichtlich illegal zu qualifizieren. Zwar gebe es kein absolutes Recht auf Anonymität, doch müssten die zuständigen Gerichte eine sorgfältige Abwägung der kollidierenden — Seite 54 —Interessen vornehmen. Dies hatte die österreichische Justiz unterlassen und sich mit der unzureichenden Feststellung begnügt, eine Rechtswidrigkeit der Kommentare lasse sich nicht ausschliessen. Dies verstiess nach einstimmiger Auffassung der

4.Kammer gegen die Anforderungen von Art. 10 EMRK.

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K o m m e n t a r : D a s U r t e i l d e s E G M R i m F a l l „ S t a n d a r d Verlagsgesellschaft mbH c. Österreich (no. 3)” lässt sich als Meilenstein qualifizieren. Es stärkt den Schutz anonymer Meinungsäusserungen im Internet, betont aber einmal mehr auch deren Grenzen im Falle offensichtlicher Illegalität. Das U r t e i l i l l u s t r i e r t ü b e r d i e s , d a s s n e u e O n l i n e - Kommunikationsformen und herkömmliche journalistischredaktionelle Tätigkeit keine säuberlich voneinander getrennten Bereiche sind. Oft gehen sie Hand in Hand. Es ist ratsam, sie nicht gegeneinander auszuspielen.

3.Sperren und andere Beschränkungen des Zugangs zu Online-Inhalten

98Im EGMR-Grundsatzurteil „Biancardi c. Italien“ (Unterlassene

Deindexierung in Suchmaschine) N° 77419/16 vom 25.11.2021 [IL Key cases] akzeptierte die 1. Kammer des Gerichtshofs die zivilrechtliche Verantwortlichkeit des Chefredaktors der kleinen Online-Zeitung PrimaDaNoi. Dieser hatte sich im September 2010 trotz förmlicher Aufforderung der in einem Zeitungsartikel genannten Privatpersonen ursprünglich geweigert, einen im März 2008 publizierten Artikel von der Suchmaschinen-Indexierung auszunehmen. Dadurch blieben die heiklen Daten rund acht weitere Monate leicht zugänglich. Der erst im Mai 2011 deindexierte Beitrag der Online-Zeitung hatte eine Messerstecherei in einem anschliessend von der Polizei geschlossenen Restaurant betroffen. Der Chefredaktor wurde zur Bezahlung einer Entschädigung von je 5’000 Euro an das — Seite 55 —Restaurant und dessen Betreiber verurteilt. Eine Verpflichtung zur Deindexierung kann laut EGMR nicht nur den Anbietern von Internet-Suchmaschinen auferlegt werden, sondern auch den Administratoren von Zeitungs- oder journalistischen Archiven,

die über das Internet zugänglich sind. Klar zu unterscheiden s i n d l a u t E G M R d i e F o r d e r u n g n a c h A u s l i s t u n g o d e r Deindexierung einerseits und nach dauerhafter Entfernung oder Löschung von Nachrichtenartikeln andererseits. Bei blosser Pflicht zur Deindexierung seien primär drei Kriterien massgebend: Die Dauer der Online-Verfügbarkeit (1), die Sensibilität der fraglichen Daten (2) und die Schwere der gegen den Verantwortlichen (hier: den Chefredaktor der Online-Z e i t u n g ) v e r h ä n g t e n S a n k t i o n f ü r d i e u n t e r l a s s e n e Deindexierung (3). Für den Gerichtshof war besonders wichtig,

dass der betroffene Restaurantbesitzer keine public figure war und er nicht in einem öffentlichen Kontext gehandelt hatte.

Trotz noch stets hängigem Strafverfahren gewichtete der Gerichtshof den aus Art. 8 EMRK (Recht auf Achtung des Privatlebens) abgeleiteten Anspruch des Restaurantbesitzers auf Vergessenwerden stärker als die Meinungsfreiheit (Art. 10 EMRK). Da der Chefredaktor nicht strafrechtlich belangt worden war, könne die Sanktion nicht als übermässig bezeichnet werden.

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Kommentar: Der Chefredaktor des kleinen Newsportals hatte im Strassburger Verfahren prominenten argumentativen Beistand erhalten. Als Nebenintervenienten unterstützten ihn der UN-S o n d e r b e r i c h t e r s t a t t e r z u r M e i n u n g s f r e i h e i t , d e r S o n d e r b e r i c h t e r s t a t t e r f ü r M e i n u n g s f r e i h e i t d e r Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte, das Reporter-Komitee für die Pressefreiheit, die Vereinigung der Medienjuristen (MLA) und die Initiative Medienrechtsschutz (MLDI). Dennoch hat die 1. Kammer das Urteil der italienischen Ziviljustiz einstimmig als konventionskonform bezeichnet. Dies ist vereinzelt heftig kritisiert worden und hat u.a. zur B e f ü r c h t u n g g e f ü h r t , d i e v e r s c h ä r f t e S t r a s s b u r g e r — Seite 56 —Rechtsprechung könne eine Abschreckungswirkung (chilling effect) auf lokale Newsmedien entfalten (vgl. etwa Christopher Docksey, Journalism on trial and the right to be forgotten, V e r f a s s u n g s b l o g v o m 9 . M ä r z https://verfassungsblog.de/journalism-rtbf/ sowie Andrea Monti, The European Court of Human Rights and the right to erase history, Inforrm’s Blog vom 9. Dezember 2021; www.inforrm.org/2021/12/09/the-european-court-of-human-rightsand-the-right-to-erase-history-andrea-monti/: “[…] lays the foundations for the largest indirect censorship crackdown of our times.”). Von besonderem Interesse ist vor diesem Hintergrund der Fall “Hurbain c. Belgien” N° 57292/16. Er b e t r i f f t d i e P f l i c h t z u r A n o n y m i s i e r u n g e i n e s 1 9 9 4 publizierten Artikels über einen Mord im elektronischen Archiv der Zeitung „Le Soir“. Die 3. Kammer des EGMR hatte am 22.06.2021 einen Verstoss gegen die Meinungsfreiheit (Art. 10 EMRK) mehrheitlich verneint. Wegen der grundlegenden Tragweite der Fragestellung ist dieser Fall der Grossen Kammer des Gerichtshofs vorgelegt worden.

4.Staatliche Schutzpflichten im Online-Bereich

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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.

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Quelle: medialex.ch · Medialex 2022