Leiturteile zur Online-Kommunikation, aber auch zum Journalismus
- Quelle
- medialex.ch ↗
- Zeitschrift
- Medialex
- Verlag
- Stiftung medialex
- Sprache
- Deutsch
- DOI
- 10.52480/ml.22.24
I.Medien-, Meinungs-, Kunst- und Wirtschaftsfreiheit
1.Allgemeines
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
— Seite 7 —2.Staatliche Eingriffe in grundrechtlich geschützte Kommunikation
A.Geltungsbereich: Welche Freiheitsrechte sind betroffen?
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Im BGE 147 II 408 hiess die I. öffentlich-rechtliche Abteilung die Beschwerde eines Journalisten gut, der beim Bundesamt für P o l i z e i ( f e d p o l ) v e r g e b l i c h A u s k u n f t ü b e r a l l e i h n betreffenden Einträge im Schengener Informationssystem (SIS)
v e r l a n g t h a t t e . B e i M e d i e n s c h a f f e n d e n t a n g i e r t d i e Auskunftsverweigerung laut Bundesgericht nicht nur die informationelle Selbstbestimmung (Art. 13 BV; Art. 8 EMRK),
sondern auch die grundrechtlich garantierte Medienfreiheit ( A r t . 1 7 B V ; A r t . 1 0 E M R K ) . D a s f e d p o l d ü r f e d e m schweizerisch-bulgarischen Doppelbürger die verlangte Auskunft über die internationale Personenausschreibung nicht ohne eigene Prüfung verweigern, denn das Bundesamt sei nicht an die Stellungnahme des ausschreibenden Staates gebunden. Laut Bundesgericht kann nicht ausgeschlossen werden, dass der a u s s c h r e i b e n d e S t a a t d a s S I S f ü r d i e Ü b e r w a c h u n g investigativer Journalisten missbraucht (E. 6.6).
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Kommerziell getriebene Kommunikation fällt in der Schweiz nicht unter die Meinungs- oder Medienfreiheit (Art. 16 und 17 B V ) , s o n d e r n l e d i g l i c h u n t e r d a s G r u n d r e c h t d e r Wirtschaftsfreiheit (Art. 27 BV). In Strassburg ist hingegen Art. 10 EMRK (Meinungsfreiheit) massgebend. Kommt es zur Güterabwägung, so lässt der EGMR dem Mitgliedstaat bei werblichen Aussagen einen grösseren Ermessensspielraum (margin of appreciation), was letztlich zu einem geringeren Schutz führt als bei ideellen Äusserungen. Als Kommunikation mit r e d u z i e r t e m S c h u t z b e h a n d e l t e b s p w . d e Re G M R -
Zulässigkeitsentscheid „Cagdas Kislaoglu c. Türkei”
— Seite 8 —(Disziplinarstrafe für Zahnarzt) N° 3636/17 vom 20.04.2021 [Importance Level IL 3] werbliche Aussagen für einen Zahnarzt i n e i n e r F e r n s e h s e n d u n g . D i e B e s c h w e r d e g e g e n e i n e disziplinarische Busse von umgerechnet rund 500 Euro bezeichnete der Gerichtshof einstimmig als offensichtlich unbegründet.
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Trotz des reduzierten Schutzes für Werbung hat der staatliche Spielraum Grenzen und schreitet der EGMR punktuell gegen übertriebene Beschränkungen kommerzieller Kommunikation ein.
Ein Beispiel dafür ist das EGMR-Urteil „Gachechiladze c.
Georgien“ (Verwaltungsstrafe wegen Kondomwerbung) N° 2591/19 vom 22.07.2021 [IL 2]. Die Kondomverpackungen der georgischen Marke Aiisa zeigten u.a. populäre fiktive Figuren, historische und politische Persönlichkeiten, religiöse Anspielungen, Zitate aus Literatur und Musik, satirische Bilder und Sujets zur Unterstützung der LGBT-Gemeinschaft. Wegen unethischer W e r b u n g v e r u r t e i l t e d i e g e o r g i s c h e J u s t i z d i Kondomproduzentin in vier Fällen zu einer Verwaltungsstrafe und zum Rückruf der betroffenen Produkte. Der Gerichtshof ging hier von einem beschränkten staatlichen Ermessensspielraum aus, denn die umstrittenen Werbesujets hatten nicht ausschliesslich kommerziellen Charakter, sondern wollten S t e r e o t y p e z e r s t ö r e n , S e x u a l i t ä t f ö r d e r n u n d a u c h Gesellschaftskritik üben. Die georgischen Gerichte hatten argumentiert, die Werbesujets seien eine grundlose Beleidigung von Objekten, welche christliche Georgier verehren. Einen solchen Vorrang für die Auffassungen der georgisch-orthodoxen Kirche akzeptierte der Gerichtshof nicht. Bei drei von vier Verpackungsdesigns war die Beschränkung der Meinungsfreiheit u n v e r h ä l t n i s m ä s s i g . E i n z i g d i e D a r s t e l l u n g d e r heiliggesprochenen Königin Tamar konnte als unnötiger Angriff auf eine religiös verehrte Person bezeichnet werden.
— Seite 9 —B . E i n g r i f f : S t a a t l i c h e S c h m ä l e r u n g d e s grundrechtlichen Freiraums?
a)Wird das Grundrecht überhaupt beschränkt?
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr zur Frage,
o b e i n e d e m S t a a t z u z u r e c h n e n d e V e r k ü r z u n g d e s grundrechtlichen Freiraums vorliegt.
b)Verursacht die Grundrechtsbeschränkung einen erheblichen Nachteil (Art. 35 Abs. 3 Bst. b EMRK)?
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Nach Art. 35 Abs. 3 Bst. b der EMRK erklärt der EGMR Beschwerden für unzulässig, „wenn er der Ansicht ist, dass dem Beschwerdeführer kein erheblicher Nachteil entstanden ist“. Im
EGMR-Urteil „Ringier Axel Springer Slovakia, a.s. c. Slowakei
(Nr. 4)“ (Cannabis) N° 26826/16 vom 23.09.2021 [IL 2] brachte die slowakische Regierung vor, eine verwaltungsrechtliche Busse in der Höhe des gesetzlichen Minimalbetrags von 500 Euro wegen redaktioneller Propaganda für Drogen sei angesichts der G e s c h ä f t s z a h l e n v o n R i n g i e r A x e l S p r i n g e r g e r a d e z u vernachlässigbar. Der Gerichtshof entgegnete, angesichts der zentralen Bedeutung freier Meinungsäusserung für die demokratische Gesellschaft sei gerade bei Medienpublikationen eine besonders sorgfältige Prüfung angezeigt (§ 26). Die bescheidene Busse sei nicht unerheblich. Massgebend sei die mögliche Abschreckungswirkung (chilling effect) der Busse für die künftige Erörterung von Themen allgemeinen Interesses, zu denen die Entkriminalisierung des Cannabiskonsums gehöre. Das v e r w a l t u n g s r e c h t l i c h e U r t e i l d e r a u d i o v i s u e l l e n Aufsichtsbehörde verursache dem Unternehmen losgelöst von pekuniären Interessen einen bedeutenden Nachteil (§ 27f.). Es gehe vorliegend um wichtige Grundsatzfragen („important questions of principle“). Der Gerichtshof trat daher auf die Beschwerde ein und hiess sie einstimmig gut (zu den Gründen siehe hinten Rn. 85).
— Seite 10 —C.Betroffenheit: Befugnis zur Beschwerde gegen einen Eingriff
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Die EMRK sieht gemäss ständiger Rechtsprechung keine Popularbeschwerden für nicht direkt betroffene Personen vor.
Wer Beschwerde führt, muss von der Wirkung eines staatlichen Eingriffs nachteilig betroffen sein oder ein berechtigtes p e r s ö n l i c h e s I n t e r e s s e a n d e s s e n B e e n d i g u n g h a b e n (Opfereigenschaft nach Art. 34 EMRK). Diese Betroffenheit b e j a h t e d a s E G M R - U r t e i l „A k d e n i z u . a . c . T ü r k e i “ (Publikationsverbot) N° 41139/15 + 41146/15 vom 04.05.2021 [IL 2] im Falle der Journalistin Güven, die sich gegen ein (allgemeines) Publikationsverbot für Informationen über eine parlamentarische Korruptionsuntersuchung wehrte. Unter Hinweis auf die „public watchdog“-Funktion der Medien unterstrich der EGMR einstimmig die Wichtigkeit des Informationszugangs und der unerschrockenen Recherche zu Themen von allgemeinem Interesse. Mangels spezifischer Betroffenheit verneinte die M e h r h e i t h i n g e g e n d i e O p f e r e i g e n s c h a f t d e r b e i d e n R e c h t s p r o f e s s o r e n A k d e n i z ( D i r e k t o r Nichtregierungsorganisation „Cyber-Rights.Org“) und Altıparmak. Das allgemeine Verbot habe ihre universitäre Arbeit zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt.
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Kommentar: Bemerkenswert ist das teilweise abweichende Sondervotum des litauischen Richter Kūris. Zwar sei er ebenfalls gegen die Möglichkeit einer Popularbeschwerde (actio popularis). In deutlichen Worten kritisiert Kūris aber die von der Mehrheit vorgenommene Unterscheidung der Berufe einer Journalistin und eines Rechtsprofessors. Sie schaffe zwei Kategorien öffentlicher Wachhunde. Dass der EGMR die Meinungsfreiheit von Medienschaffenden stärker schütze als jene von Akademikern oder Menschenrechtsaktivistinnen, sei unverständlich: „Pour dire les choses sans ambages, la liberté d’expression des journalistes y est considérée comme étant — Seite 11 —plus précieuse et méritant une protection plus forte au titre de la Convention que celle des représentants du corps enseignant. C’est intenable, injuste, et tout simplement peu convaincant.“ Was das Sondervotum allerdings ausblendet, sind die von der EGMR-Rechtsprechung bejahten besonderen Pflichten von Medienschaffenden (z.B. im Bereich der von ihnen verlangten Sorgfalt). Wollte der Gerichtshof den Schutz bspw. für Akademikerinnen und Akademiker ausbauen, würde sich auch die Frage nach den ihnen auferlegten Pflichten stellen.
D.Verbot des Missbrauchs der Konventionsrechte (Art. 17 EMRK)
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Eine weitere Hürde für die inhaltliche Prüfung von Eingriffen in die freie Kommunikation ist Artikel 17 EMRK. Diese Konventionsbestimmung richtet sich gegen den Missbrauch der EMRK-Rechte durch Handlungen, die auf Abschaffung der in der Konvention festgelegten Rechtsansprüche und Freiheiten zielen:
Wer im Sinne von Art. 17 ein EMRK-Recht missbraucht, bewegt sich ausserhalb des konventionsrechtlichen Schutzbereichs und kann daher die Rechtmässigkeit einer EMRK-Beschränkung nicht prüfen lassen. In einigen besonders krassen Fällen von Hassrede hat es der Gerichtshof daher abgelehnt, den nationalen Schuldspruch überhaupt auf seine Vereinbarkeit mit der Meinungsfreiheit (Art. 10 EMRK) zu untersuchen. Die Strassburger Praxis ist mittlerweile umfangreich, wie der vom EGMR publizierte Guide on Article 17 of the European Convention on Human Rights (Prohibition of abuse of rights; www.echr.coe.int/Documents/Guide_Art_17_ENG.pdf) dokumentiert.
Neuerdings wird diese Vorschrift auch vom Bundesgericht thematisiert.
13In BGer 6B_1126/2020 (Satirezeitschrift “La Tuile”) vom
10.06.2021 (weitere Ausführungen zu diesem Entscheid hinten Rn. 39) befasste sich die Strafrechtliche Abteilung recht — Seite 12 —a u s f ü h r l i c h – w e n n a u c h f r a g m e n t a r i s c h – m i t d e r Rechtsprechung des EGMR. Das Bundesgericht fragte sich in E.
2.1.2, ob die antisemitischen Äusserungen des Chefredaktors unter das Verbot des Missbrauchs der Konventionsrechte in Art.
17 EMRK fallen. Es liess dies letztlich offen (E. 2.4), denn
d i e a u f A r t . 2 6 1b i sS t G B g e s t ü t z t e V e r u r t e i l u n g d e s Chefredaktors zu einer Geldstrafe genüge ohne Weiteres den grundrechtlichen Voraussetzungen für eine Beschränkung der Meinungsfreiheit (gesetzliche Grundlage, legitimer Eingriffszweck und Verhältnismässigkeit).
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Kommentar: Die Urteilsbegründung der Strafrechtlichen Abteilung überzeugt im Ergebnis, weniger aber in der Methodik.
D e r b u n d e s g e r i c h t l i c h e U m w e g ü b e r A r t . 1 7 E M R K i s t entbehrlich, denn diese Konventionsbestimmung ist wenigstens für Verfahren in der Schweiz eher eine Quelle der Verwirrung a l s e i n e n ü t z l i c h e O r i e n t i e r u n g s h i l f e . I m T e x t d e r Bundesverfassung findet sich kein der EMRK entsprechendes Missbrauchsverbot. Nach schweizerischem Verfassungsrecht ist es angezeigt, auch hochproblematische Äusserungen nicht pauschal vom grundrechtlichen Geltungsbereich auszuklammern,
sondern die staatlichen Massnahmen auf der Ebene der zulässigen Grundrechtseinschränkungen (Art. 16 oder 17 i.V.
mit Art. 36 BV) zu prüfen. Schweizerische Behörden sind gehalten, diese fundamentalen Voraussetzungen zu respektieren und gerade die Verhältnismässigkeit ausnahmslos zu beachten.
3.Gesetzliche Grundlage (Art. 36 Abs. 1 BV bzw. Art. 10 Abs. 2 EMRK)
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Nach ständiger Rechtsprechung verlangt jede Beschränkung der Meinungsfreiheit eine ausreichend präzise formulierte Gesetzesvorschrift, die eine nach den Umständen vernünftige Vorhersehbarkeit staatlichen Einschreitens ermöglicht. Eine — Seite 13 —unzureichende gesetzliche Grundlage bemängelte etwa das EGMR-
Urteil „Akdeniz u.a. c. Türkei“ (Publikationsverbot)N°
41139/15 + 41146/15 vom 04.05.2021 [IL 2]. Der Vorsitzende eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt, welche sämtlichen Medien die Publikation von Informationen über den vertraulich tagenden Ausschuss verbot. Es handelte sich um eine grossflächige präventive Informationssperre. Diese hatte im Juli 2019 bereits das türkische Verfassungsgericht für rechtswidrig erklärt. Der EGMR kam ebenfalls zum Schluss, die von den Behörden als gesetzliche Grundlage angeführten Rechtsnormen (Pressegesetz und Verfassung) seien nicht hinreichend bestimmt formuliert. Die Beschränkung von Art. 10 EMRK war für die Betroffenen daher nicht genügend vorhersehbar (siehe zu diesem Fall auch vorne Rn. 10). Weitere Fälle fehlender gesetzlicher Grundlage waren etwa die EGMR-Urteile „Rovshan Hajiyev c.
Aserbaidschan“ (Angaben über Radarwarnstation) N° 19925/12 +
47532/13 vom 09.12.2021 [IL 2; siehe hinten Rn. 58) und „Yuriy Chumak c. Ukraine” (Rechtsakte des Präsidenten) N° 23897/10 vom 18.03.2021 [IL 2; siehe hinten Rn. 62].
4. Berechtigtes Beschränkungsziel (Art.
36 Abs. 2 BV bzw. Art. 10 Abs. 2 EMRK)
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
5. Primärer Eingriffszweck: Schutz privater Interessen
A. Schutz des Ansehens
a) Vorwürfe im politischen Zusammenhang
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Ehrverletzungsstreitigkeiten im politischen Kontext beschäftigten den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte — Seite 14 —auch im Berichtsjahr verschiedentlich. Ein Beispiel war etwa d a s E G M R - U r t e i l „ D i c k i n s o n c . T ü r k e i ” ( E r d o ğ a n a u f Hundekörper) N° 25200/11 vom 02.02.2021 (vgl. dazu hinten Rn. 27).
b)Vorwürfe gegen andere öffentlich exponierte Akteure
18I n B G e r 5 A _ 7 5 8 / 2 0 2 0 ( O b e r s e e N a c h r i c h t e n Persönlichkeitsschutz für Gemeinwesen) vom 03.08.2021
bestätigte die II. zivilrechtliche Abteilung über weite Strecken ein Urteil des St. Galler Kantonsgerichts gegen eine persönlichkeitsverletzende Kampagne der Gratiszeitung «Obersee Nachrichten». Dabei stellte sich u.a. die grundsätzliche Frage, ob auch juristische Personen des öffentlichen Rechts den zivilrechtlichen Persönlichkeitsschutz (Art. 28 ZGB) beanspruchen können. In E. 2.3 hielt das Bundesgericht fest, die Rechtsprechung habe sich bislang selten zu dieser Frage geäussert, bejahe sie jedoch im Einklang mit der praktisch einhelligen Rechtslehre. Dabei gehe es nicht um den Schutz des Staates gegen mediale Kritik schlechthin. Die Stadt Rapperswil-Jona habe aber einen persönlichkeitsrechtlichen A n s p r u c h d a r a u f , i n d e r Ö f f e n t l i c h k e i t verantwortungsbewusstes und fähiges Gemeinwesen wahrgenommen zu werden, das eine fachlich einwandfrei funktionierende Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) organisieren könne.
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Kommentar: Der im August 2021 gefällte Bundesgerichtsentscheid zur Aktivlegitimation öffentlich-rechtlicher Körperschaften beim Persönlichkeitsschutz steht in einem Spannungsverhältnis zur späteren Strassburger Rechtsprechung: Ein halbes Jahr nach dem Entscheid der II. zivilrechtlichen Abteilung ist in Strassburg das EGMR-Leiturteil „OOO Memo c. Russland“ N° 2840/10 vom 15.03.2022 [IL Key cases] ergangen. Darin äusserte der Gerichtshof grundsätzliche konventionsrechtliche — Seite 15 —Vorbehalte dagegen, dass eine (russische) Behörde den kritischen Bericht einer Onlinezeitung bei der Ziviljustiz anfechten konnte. Eine solche prozessuale Möglichkeit belaste die Medien als public watchdogs übermässig. Sie habe eine unvermeidliche Abschreckungswirkung (chilling effect). Ein legitimer Zweck für die Beschränkung der Medienfreiheit (Art.
10 EMRK) existiere bloss in Fällen, in denen sich ein Gemeinwesen als Marktteilnehmerin bei einem Zivilgericht für seine wirtschaftliche Reputation wehre. Überdies könnten erkennbar angegriffene Behördenmitglieder in ihrem eigenen Namen klagen. Diese Überlegungen des EGMR relativieren die Tragweite des lediglich in Dreierbesetzung gefällten Bundesgerichtsentscheids zum Schutz der Stadt Rapperswil-Jona durch das Persönlichkeitsrecht.
c)Rufschädigende Vorwürfe gegen besonders geschützte Personen
20Das EGMR-Urteil „Société Éditrice de Mediapart u.a. c. Frankreich“ (Tonaufnahmen von Liliane Bettencourt) N° 281/15 +
34445/15 vom 14.01.2021 [IL 2] § 91 unterstrich, dass bei altersbedingter Verletzlichkeit eine (besonders) berechtigte Erwartung auf Schutz des Privatlebens bestehen kann (ausführlich zu diesem Urteil hinten Rn. 33).
B.(Journalistische) Sorgfalt bei rufschädigenden Vorwürfen
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Bei rufschädigenden Tatsachenbehauptungen stellt sich die Frage, ob unzutreffende Vorwürfe im Einklang mit der j o u r n a l i s t i s c h e n E t h i k g e ä u s s e r t w u r d e n u n d o b d i e Medienschaffenden mit der Sorgfalt gehandelt haben, die der verantwortungsvolle Journalismus verlangt. Das EGMR-Urteil „Vacean c. Rumänien“ (Diebstahlsvorwurf) N° 47695/14 vom
16.11.2021 [IL 3] § 51 betraf Vorwürfe eines Gewerkschafters,
die von News-Webseiten weiter transportiert worden waren. Der — Seite 16 —Gewerkschafter hatte einen Musikprofessor fälschlicherweise des Diebstahls beschuldigt. Die rumänische Justiz unterliess die Prüfung, ob die Redaktionen der News-Webseiten die Tatsachenbehauptungen ausreichend verifiziert und damit die journalistische Sorgfalt beachtet hatten. Dies verstiess gegen die Pflicht des Staates zum Schutz des Anspruchs auf Achtung des Privatlebens (Art. 8 EMRK) gegen journalistische Übergriffe.
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Unsorgfältig war der Bericht einer Wochenzeitung über dubiose Geldflüsse im Umfeld eines polnischen Politikers. Eine B e s c h w e r d e d e r v e r u r t e i l t e n M e d i e n l e u t e g e g e n d i e zivilrechtliche Entschädigung von rund 3’750 Euro bezeichnete der EGMR-Zulässigkeitsentscheid „Ansion + Walczak c. Polen“
(Korruptionsvorwurf) N° 71320/14 + 71360/14 vom 31.08.2021 [IL 3] als offensichtlich unbegründet. Der Gerichtshof stellte fest, dass die polnischen Medienschaffenden auf ungenügender Faktenbasis irreführende Behauptungen publiziert hatten.
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Die Sorgfaltspflicht verletzte auch ein Fernsehbericht, der einen Regionalpolitiker fälschlicherweise mit einem Pädophilen-Ring in Zusammenhang gebracht hatte. Dasegmr-
Urteil „SIC – Sociedade Independente de Comunicação c.
Portugal“ (Pädophilievorwurf) N° 29856/13 vom 27.07.2021 [IL 2] bemängelte, dass die Redaktion in unverantwortlicher Weise b e h a u p t e t h a t t e , d e r z u r ü c k g e t r e t e n e P o l i t i k e r s e i festgenommen und durch die Polizei befragt worden. Eine Beschränkung der Medienfreiheit war daher grundsätzlich berechtigt. Die von der portugiesischen Ziviljustiz zugesprochene Entschädigung von rund 115’000 Euro war allerdings unverhältnismässig hoch.
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Eine ausreichende Verifizierung gravierender Vorwürfe gegen einen Spitalverantwortlichen bejahte hingegen das EGMR-Urteil
— Seite 17 —„Banaszczyk c. Polen“ (Vorwürfe gegen Spitalverantwortlichen)
N° 66299/10 vom 21.12.2021 [IL 3] § 77. Der durch die polnische Justiz verurteilte Chefredaktor hatte gestützt auf ein anonymes Schreiben die Angehörigen von Patienten sowie S p i t a l a n g e s t e l l t e b e f r a g t u n d d i e a n g e g r i f f e n e n Spitalverantwortlichen mit den Vorwürfen konfrontiert. Damit l e i s t e t e d e r J o u r n a l i s t m i t s e i n e r R e c h e r c h e , w a s vernünftigerweise von ihm erwartet werden konnte. Die Justiz dürfe vom Chefredaktor auch nicht verlangen, dass er sich ausdrücklich vom anonymen Schreiben distanziere (§ 78).
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Einen Verstoss gegen Art. 8 EMRK verneinte auch Dasegmr-
Urteil „Daneş u.a. c. Rumänien“ (Vorwürfe gegen Tierärzte) N°
44332/16, 44829/16 + 44839/16 vom 07.12.2021 [IL 3]. Der Journalist einer lokalen Wochenzeitung hatte seine Behauptung des unkontrollierten Vertriebs rezeptpflichtiger Medikamente gutgläubig publiziert. Er stützte seine Vorwürfe auf andere Veröffentlichungen und die Auskünfte eines Tierarztes, untermauerte seine Warnungen durch Belege und enthielt sich über das Ziel hinausschiessender Formulierungen.
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Eine sorgfältige Abklärung ruf- oder geschäftsschädigender V o r w ü r f e v e r l a n g t d e r G e r i c h t s h o f n i c h t n u r v o n (professionellen) Medienschaffenden, sondern bspw. auch von
Whistleblowern. Das EGMR-Urteil „Gawlik c. Liechtenstein”
(Arzt als Whistleblower) N° 23922/19 vom 16.02.2021 [IL 2]
bezeichnet die Entlassung eines stellvertretenden Chefarztes als konventionskonform. Lothar Gawlik hatte gegenüber einem Parlamentarier und anschliessend in einer Strafanzeige den ( u n z u t r e f f e n d e n ) V o r w u r f e r h o b e n , d e r C h e f a r z t d e s Liechtensteinischen Landesspitals betreibe aktive Sterbehilfe.
Seine Behauptung hatte Gawlik nicht ausreichend verifiziert.
Sein Verdacht stützte sich lediglich auf die elektronischen Patientendossiers, nicht aber auf den Beizug der (Papier-)Krankenakten. In ihrem einstimmigen Urteil billigt die 2.
— Seite 18 —Kammer des EGMR dem Mediziner zwar zu, dass er gutgläubig von einem dringend zu behebenden Missstand ausging. Eine Einsicht in die physischen Krankendossiers wäre aber rasch zu bewerkstelligen gewesen. Der Whistleblower unterliess damit die unter den konkreten Umständen gebotene und ihm zumutbare Verifizierung des gravierenden Verdachts gegen den Chefarzt (§ 78). Die Beschränkung seiner Meinungsfreiheit (Art. 10 EMRK) durch seinen Arbeitgeber war in einer demokratischen Gesellschaft notwendig.
C.Ansehensschutz bei Satire, Sarkasmus, Ironie und Humor
27D a s E G M R - U r t e i l „ D i c k i n s o n c . T ü r k e i ” ( E r d o ğ a n a u f
Hundekörper) N° 25200/11 vom 02.02.2021 [IL 2] betraf eine satirische Collage, mit der ein britischer Künstler 2006 den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan angriff. Als Kritik an der türkischen Haltung im Irakkrieg zeigte die Collage Erdoğans Kopf auf dem Körper eines Hundes, der an einer Leine in den Farben der US-Flagge geführt wird. Im fraglichen Kontext war nach einstimmiger Auffassung der 2. Kammer des EGMR ein erhebliches Mass an Übertreibung und Provokation zulässig. Die umstrittene Collage sei nicht als grundlos beleidigend einzustufen. Spitzenpolitiker müssten gerade gegenüber satirischer Kritik Toleranz zeigen und sich m i t s t r a f r e c h t l i c h e n S c h r i t t e n z u r ü c k h a l t e n . D i e strafrechtliche Verfolgung von Dickinson verstiess daher gegen Art. 10 EMRK (selbst wenn die türkische Justiz das Verfahren nach fünf Jahren letztlich eingestellt hatte).
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Dass die Behörden bei der Interpretation heikler Publikationen die Möglichkeit von Ironie und Sarkasmus nicht leichthin verwerfen dürfen, unterstrich das EGMR-Urteil „Ringier Axel
Springer Slovakia, a.s. c. Slowakei (Nr. 4)“ (Cannabis) N°
26826/16 vom 23.09.2021 [IL 2] § 44. Siehe zu diesem Fall — Seite 19 —hinten Rn. 85.
D.Schutz privater Interessen bei Vorwürfen strafbaren Verhaltens
a)Unschuldsvermutung, Ansehensschutz und Recht auf einen fairen Prozess
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
b)Behördliche Äusserungen über identifizierte Tatverdächtige
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
E.Schutz der geschäftlichen Reputation von Marktteilnehmern
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Neben dem zivil- und strafrechtlichen Ehrenschutz müssen Medienpublikationen seit 1988 auch die vom Bundesgesetz gegen d e n u n l a u t e r e n W e t t b e w e r b ( U W G ) g e s e t z t e n G r e n z e n respektieren, die eine Art wirtschaftlichen Ehrenschutz markieren. Erwähnenswert ist das Urteil des Kantonsgerichts Graubünden (Bündner Bauskandal) SK2 20 57 vom 20.05.2021. Es akzeptierte die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft nach umfangreichen Zeitungspublikationen vom Mai 2018 über kartellwidrige Absprachen im Baugewerbe. Die WEKO habe die Vorgänge als volkswirtschaftlich besonders schädlich bezeichnet. Die von der Zeitung vorgenommenen Werturteile „Baubeschiss“ und „Bauskandal“ seien daher nicht unnötig verletzend im Sinne von Art. 3 Bst. a UWG. Auch die Verwendung des Wortes „Baubetrug“ gegenüber einem breiten Publikum sei nicht zu beanstanden, „zumal es diesen Straftatbestand – streng betrachtet – gar nicht gibt“. Angesichts eines Publikationszeitraums von bloss zwei Tagen könne auch nicht — Seite 20 —von einer orchestrierten Medienkampagne gesprochen werden. Die fraglichen Veröffentlichungen seien eindeutig nicht unlauter und zweifelsfrei nicht strafbar.
F.Schutz der Privatsphäre vor Blossstellung (z.B. durch Abbildung)
a)Recht am eigenen Bild
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Einen Verstoss gegen den postmortalen Persönlichkeitsschutz bejahte das einstimmig gefällte EGMR-Urteil „M.L. c. Slowakei“ (Sensationsbericht über verstorbenen Dorfpfarrer) N° 34159/17 vom 14.10.2021 [IL 2]. Mehrere Boulevardblätter hatten 2008 sensationsgetriebene Berichte über einen 2006 verstorbenen Dorfpfarrer publiziert, der 1999 wegen einer Sexualstraftat verurteilt worden war. Die Mutter des toten Pfarrers hatte sich vor der slowakischen Justiz vergeblich gegen die Publikationen gewehrt. Der EGMR liess offen, ob der namentlich identifizierte Pfarrer wirklich eine „public figure“ war. Jedenfalls war die Veröffentlichung des besonders intrusiven Materials und vor allem der unverpixelten Fotos nicht gerechtfertigt. Die slowakische Justiz verletzte ihre Pflicht,
die Achtung des Privat- und Familienlebens zu schützen (Art. 8 EMRK).
b)Weitere Beeinträchtigungen der Privatsphäre
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Um die unnötig spektakuläre Veröffentlichung heimlich aufgenommener Privatgespräche ging es im EGMR-Urteil „Société Éditrice de Mediapart u.a. c. Frankreich“ (Tonaufnahmen von Liliane Bettencourt) N° 281/15 + 34445/15 vom 14.01.2021 [IL 2]. Die französische Online-Zeitung Mediapart publizierte 2010 Niederschriften und Tonauszüge von Gesprächen, die der Butler der betagten Liliane Bettencourt (Mehrheitsaktionärin des Kosmetikkonzerns L’Oréal) rechtswidrig aufgenommen hatte. Die Aufnahmen gehörten zum Beweismaterial in einem umfangreichen — Seite 21 —Strafverfahren, das den Missbrauch von Bettencourts Schwäche und die schlechte Verwaltung ihres Vermögens betraf. Nach einem mehrjährigen Verfahren wies die französische Ziviljustiz 2013 die Mediapart-Verantwortlichen an, sämtliche Auszüge von ihrem Nachrichtenportal zu entfernen. Diese Anordnung b e u r t e i l t e d i e 5 . K a m m e r d e s E G M R e i n s t i m m i g a l s konventionskonform. Das erhebliche öffentliche Interesse an der rechtlichen und politischen Affäre Bettencourt müsse h i n t e r d e m R e c h t d e r B e t e i l i g t e n a u f A c h t u n g i h r e s Privatlebens (Art. 8 EMRK) zurückstehen. Die Redaktion hatte zwar die Authentizität der Aufnahmen geprüft und diese ihren Abonnenten nur selektiv zugänglich gemacht. Die schwächliche Liliane Bettencourt war aber schutzbedürftig und durfte auch als Person des öffentlichen Lebens berechtigterweise erwarten,
dass die sensiblen und vertraulichen Informationen von der Nachrichten-Website entfernt werden. Dabei erinnerte der EGMR daran, dass Internetpublikationen wegen ihrer Speicher- und Verbreitungsmöglichkeiten ein höheres Schadenspotenzial für die Privatsphäre haben als Veröffentlichungen in gedruckten Medien (§ 88). Mediapart hätte die Leserschaft auf andere W e i s e i n f o r m i e r e n k ö n n e n a l s d u r c h d i e u n n ö t i g aufsehenerregende Veröffentlichung der Text- und Tonauszüge. Die Pflicht zur Entfernung des Materials sei die einzige wirksame Massnahme gewesen, um das Eindringen in das Privatleben von Bettencourt und ihres Vermögensverwalters zu beenden. Dass auch andere Medien den Inhalt der vertraulichen Gespräche zum Zeitpunkt der zivilgerichtlichen Anordnung bereits weitgehend bekannt gemacht hatten, ändere nichts an der Verhältnismässigkeit der Beschränkung von Mediaparts Medienfreiheit. Die wörtliche Wiedergabe der rechtswidrig erstellten Aufnahmen blieb sämtlichen Medien verboten. Die Redaktion von Mediapart könne ihrem Informationsauftrag ungeachtet der zeitlich unbeschränkten richterlichen Anordnung nachkommen (§ 91).
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Kommentar: Die Publikation der Text- und Tonauszüge hatte für — Seite 22 —die beiden Mediapart-Verantwortlichen Plenel und Arti sowie f ü r J o u r n a l i s t e n d e r Z e i t u n g „ L e P o i n t “ a u c h e i n s t r a f r e c h t l i c h e s N a c h s p i e l . W i e d a s s c h w e i z e r i s c h e
Strafgesetzbuch (Art. 179b i sStGB) verbietet auch das französische Recht die Veröffentlichung strafbar erstellter Gesprächsaufnahmen. Das zuständige französische Strafgericht sprach die Medienschaffenden 2016 frei, nachdem es den Anspruch auf Achtung des Privatlebens gegen das Recht auf Information der Öffentlichkeit abgewogen hatte. Die Medienveröffentlichungen betrafen nach Auffassung des Strafgerichts fraglos ein Thema von allgemeinem Interesse. Sie bezweckten nicht primär die Befriedigung des Voyeurismus. Die Medienleute hatten die Authentizität der Aufnahmen sorgfältig abgeklärt, und die Publikation des ausgewählten Materials zielte trotz ihrer unnötig spektakulären Dimension nicht auf die Entblössung von Bettencourts Intimsphäre. Überdies habe Liliane Bettencourt vor Gericht eingeräumt, dass die Medienschaffenden ihre Arbeit gemacht hatten und die Veröffentlichung der Aufnahmen letztlich dem Schutz ihrer Interessen gedient habe (§ 41). Die strafrechtliche Dimension dieses Falles war durch den EGMR vorliegend nicht zu überprüfen. Es lässt sich aber vermuten, dass der Gerichtshof aus menschenrechtlicher Warte ebenfalls zwischen der zivilrechtlichen Massnahme (verhältnismässige Pflicht des M e d i e n h a u s e s z u r E n t f e r n u n g d e r A u s z ü g e ) u n d d e r strafrechtlichen Reaktion (unverhältnismässige Schuldsprüche gegen einzelne Medienleute) unterschieden hätte. Was heisst dies für die über den Einzelfall hinausreichende Tragweite der vorliegenden EGMR-Urteilsbegründung? Sie ist vor dem Hintergrund zu beurteilen, dass die Strassburger Ausführungen auf die spezifische (zivilrechtliche) Konstellation der blossen Beendigung einer bereits eingetretenen Verletzung der Privatsphäre gemünzt sind. Die Urteilsbegründung lässt sich deshalb nicht unbesehen generalisieren (zur Wichtigkeit des jeweiligen Kontexts für die Verallgemeinerung von Entscheiden vgl. allgemein Stefan Schürer, Die Kontextualisierung von — Seite 23 —Urteilen – Zur Präzisierung bundesgerichtlicher Entscheide anhand von Sachverhalt und zeitgenössischem Umfeld, Schweizerisches Zentralblatt für Staats- und Verwaltungsrecht [ZBl] 114/2013, S. 583ff.)
35Im EGMR-Urteil „Halet c. Luxemburg“ (Whistleblower – Luxleaks)
N° 21884/18 vom 11.05.2021 [IL 2] akzeptierte der Gerichtshof mehrheitlich die Verurteilung eines Mitarbeitenden von PricewaterhouseCoopers (PwC). Dieser hatte einem TV-Journalisten 14 Steuererklärungen von Klienten seines Arbeitsgebers zugespielt. Ein Teil des Materials wurde für eine 2013 ausgestrahlte Fernsehsendung verwendet und 2014 im Internet durch das Internationale Netzwerk investigativer Journalisten veröffentlicht. Nach einer Strafklage von PwC wurde der Fernsehjournalist freigesprochen, Whistleblower Halet hingegen zu einer Geldstrafe von 1‘000 Euro verurteilt.
M i t 5 g e g e n 2 S t i m m e n b e j a h t e d e r E G M R Verhältnismässigkeit des Schuldspruchs. Das öffentliche Interesse an der Kenntnis der Dokumente war ungenügend für einen Freispruch. Die relativ geringfügige Strafe habe keine abschreckende Wirkung (chilling effect) auf Halet oder auf andere (mögliche) Whistleblower.
G.Schwere der Sanktion bei rechtswidrigen Vorwürfen
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Art. 10 EMRK verlangt, dass staatliche Sanktionen gegen ehrverletzende oder sonstwie illegale Publikationen verhältnismässig sind. Auch im Berichtsjahr hat der EGMR verschiedentlich festgestellt, dass Beschränkungen der Medienfreiheit in ihrer Schwere über das Ziel hinausschossen.
Dies galt etwa für eine zivilrechtliche Entschädigung von 115’000 Euro für eine unsorgfältige Publikation über einen
Regionalpolitiker: EGMR-Urteil „SIC – Sociedade Independente de Comunicação c. Portugal“ (Pädophilievorwurf) N° 29856/13
— Seite 24 —vom 27.07.2021 [IL 2]; vgl. zu diesem Fall auch vorne Rn. 23 und hinten Rn. 82.
37Das EGMR-Urteil „Stolbunov + MOO Spravedlivost c. Russland“ (Geldwäschereivorwurf gegen Beamten) N° 30084/11 vom
15.06.2021 [IL 3] beanstandete die Verurteilung einer Menschenrechtsorganisation und ihres Gründers zur Bezahlung einer Genugtuungssumme von umgerechnet rund 25 000 CHF an einen von ihr wegen Wirtschaftsdelikten angezeigten Beamten. Die russische Justiz hatte die hohe Summe u.a. damit begründet, dass solche falschen Vorwürfe die berufliche Karriere hochrangiger Staatsbediensteter ernsthaft gefährden. Dieses Argument lief der EGMR-Praxis zuwider, die von öffentlichen Personen eine grössere Toleranz gegenüber Kritik verlangt (§ 35). Überdies war die zugesprochene Summe nicht n u r i m V e r g l e i c h m i t a n d e r e n E h r v e r l e t z u n g s f ä l l e n aussergewöhnlich hoch, sondern sie betrug auch ein Vielfaches des massgebenden monatlichen Mindestlohns von rund 120 CHF. Die 3. Kammer des EGMR bezeichnete die Sanktion einstimmig als unverhältnismässig.
6.Primärer Eingriffszweck: Schutz von Interessen der Allgemeinheit
A.Schutz staatlicher Geheimnisse
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
B.Aufrufe zu Diskriminierung, Intoleranz, Hass und Gewalt
a)Bundesgericht
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Art. 261bisStGB schützt vor Diskriminierung und Aufruf zu Hass — Seite 25 —wegen bestimmter Merkmale (Rasse, Ethnie und Religion, seit Juli 2020 auch wegen sexueller Orientierung). Inbger 6B_1126/2020 (Satirezeitschrift “La Tuile”) vom 10.06.2021 bestätigte die Strafrechtliche Abteilung einen Schuldspruch nach einer krass antisemitischen Publikation. Sie verwarf den
Einwand des wegen Verstoss gegen Art. 261b i sAbs. 4 StGB v e r u r t e i l t e n C h e f r e d a k t o r s e i n e r j u r a s s i s c h e Satirezeitschrift, die in seinem Text abqualifizierte Gruppe der «Juifs» sei bloss eine Metapher für den Staat Israel. Laut Bundesgericht vermag Kritik an der israelischen Politik keine Hassrede gegen Menschen jüdischer Konfession zu rechtfertigen. Mangels humoristischer Elemente und jeglicher Distanzierung nehme die durchschnittliche Leserschaft herabsetzende Ausdrücke wie «Henker» («bourreaux») zum Nennwert.
b)EGMR
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Die Thematik des Hasses und Gewaltaufrufs beschäftigt den Gerichtshof schon seit Längerem. Im Berichtsjahr blieben diese Fragen im Mittelpunkt der Strassburger Rechtsprechung. EGMR-Urteile betrafen sowohl unzureichende staatliche Vorkehren im Kampf gegen Hass und Diskriminierung als auch berechtigte und übertriebene Beschränkungen der freien Kommunikation.
41
In mehreren Fällen warf der EGMR den nationalen Behörden eine konventionswidrige Passivität vor. So bejahte das EGMR-Urteil
„Budinova + Chaprazov c. Bulgarien” (Hassrede gegen Roma) N°
12567/13 vom 16.02.2021 [IL Key cases] die Missachtung s t a a t l i c h e r S c h u t z p f l i c h t e n . B u l g a r i e n h a t minderheitenfeindliche (gegen die Roma gerichtete) Äusserungen des Obmanns der nationalistischen Partei Ataka tatenlos hingenommen und verstiess gegen die Pflicht, aktive Massnahmen gegen Diskriminierung zu ergreifen (Art. 8 EMRK in Verbindung mit Art. 14 EMRK). Unzureichend war auch die staatliche Reaktion auf eine Reihe antisemitischer Ausfälligkeiten des
— Seite 26 —Ataka-Obmanns: EGMR-Urteil „Behar + Gutman c. Bulgarien”
(Hassrede gegen Juden) N° 29335/13 vom 16.02.2021 [IL Key cases].
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In mehreren Fällen unterstützte der EGMR die nationalen Strafverfolgungsbehörden, die gegen hasserfüllte Äusserungen eingeschritten waren. Als konventionskonform bezeichnete bspw.
der EGMR-Zulässigkeitsentscheid „Litwin c. Polen” (Hassrede gegen Farbige) N° 42027/12 vom 13.04.2022 [IL 3] den Schuldspruch gegen den fremdenfeindlichen Autor eines Fussball-Fanmagazins. Siehe auch das EGMR-Urteil „Sanchez c. Frankreich” N° 45581/15 vom 02.09.2021 [IL 2], welches der Grossen Kammer vorgelegt worden ist (Rn 90f.).
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Nicht selten führen nationale Gerichte die Bekämpfung von angeblicher Hassrede ins Feld, wenn sie die Meinungsfreiheit in einer Weise beschränken, die in einer demokratischen Gesellschaft nicht notwendig ist (Art. 10 Abs. 2 EMRK). Konventionswidrig war etwa der Schuldspruch gegen den Gründer einer russischen Nichtregierungsorganisation, wie das EGMR-
Urteil „Yefimov + Youth Human Rights Group c. Russland”
(Kritik an orthodoxer Kirche) N° 12385/15 + 51619/15 vom 07.12.2021 [IL 2] einstimmig festhielt. Auf der Website der NPO-Zeitung hatte der Direktor 2011 beissende Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche und ihrer Verbandelung mit der Regierungspartei geübt. Für den EGMR war nicht ersichtlich, dass diese Publikation geeignet war, zu Gewalt, Hass oder Intoleranz aufzustacheln. Dies galt auch etwa für ein Buch über Kämpfer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistanspkk
(EMGR-Urteil „Güler + Zarakolu c. Türkei” N° 38767/09 +
52897/10 vom 29.06.2021 [IL 3]) und für die Rede eines Politikers zum Gedenken an einen Führer der baskischen Untergrundorganisation ETA (EMGR-Urteil „ Erkizia Almandoz c. Spanien” N° 5869/17 vom 22.06.2021 [IL 3]).
— Seite 27 —C. Leugnung, Verharmlosung oder Rechtfertigung von Völkermord
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
D. Massnahmen zum Schutz von Sittlichkeit und Moral
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
E. Schutz des religiösen Friedens und religiöser Empfindungen
46 Siehe Rn 7 vorne, EGMR-Urteil „Gachechiladze c. Georgien“ (Verwaltungsstrafe wegen Kondomwerbung) N° 2591/19 vom
22.07.2021 [IL 2] § 56–58.
F. Schutz von Wahlen und Abstimmungen
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
G. Bekämpfung von Terrorismus und Aufrufen zur Gewalt
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
H. Weitere öffentliche Interessen
49 Das EGMR-Urteil „Tokmak c. Türkei“ (Facebook-Äusserung gegen
Sportjournalisten) N° 54540/16 vom 18.05.2021 [IL 2] betraf d i e d r e i m o n a t i g e S p e r r e e i n e s t ü r k Fussballschiedsrichters nach dem Teilen und Kommentieren eines — Seite 28 —abschätzigen Beitrags über den Tod eines umstrittenen Sportjournalisten. Der Gerichtshof hielt einstimmig fest, die Massnahme diene zwar der Aufrechterhaltung der Ordnung und der Verhütung von Straftaten. Die Begründung der türkischen Disziplinarbehörden lasse aber eine Abwägung der massgebenden Interessen vermissen. Sie zeige auch nicht auf, inwiefern die nur zwei Stunden auf Facebook sichtbaren Äusserungen die Anhänger zu Gewalttaten hätten aufstacheln können.
7.Beschränkungen der journalistischen Recherche
50Das EGMR-Urteil „Amaghlobeli u.a. c. Georgien“ (Recherche am
Zoll) N° 41192/11 vom 20.05.2001 [IL 2] akzeptierte eine administrative Busse gegen Medienschaffende, die sich nicht an die Anweisungen der Zollbehörden gehalten hatten. Die Journalistinnen wollten im Rahmen einer Recherche über willkürliche Zollpraktiken einen Betroffenen interviewen. Die Behörden wiesen sie aus der Kontrollzone weg, doch die Medienschaffenden folgten ihren Anweisungen nicht. Als Nebenintervenientin unterstützte die Media Legal Defence I n i t i a t i v e d i e g e b ü s s t e n M e d i e n s c h a f f e n d e n . D i e Menschenrechtsorganisation unterstrich die Wichtigkeit von Reportagen aus dem Grenzgebiet (§ 30). Dennoch bezeichnete der Gerichtshof die Busse einstimmig als verhältnismässige B e s c h r ä n k u n g d e r M e d i e n f r e i h e i t . Z w a r d i e n t e d i e Berichterstattung einem legitimen Informationsinteresse, doch zweifelte der Gerichtshof daran, dass sich die Journalistinnen gutgläubig und verantwortungsvoll verhalten hatten. Sie hätten die Interviews ausserhalb der kontrollierten Zone durchführen oder eine Bewilligung für den Zutritt zur Kontrollzone verlangen können (§ 39). Überdies konnten sie ihre Interviews anschliessend publizieren und war die Bussenhöhe moderat.
— Seite 29 —8.Redaktionsgeheimnis / Quellenschutz (Art. 17 Abs. 3 BV und Art. 10 EMRK)
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G e g e n A r t . 1 0 E M R K ( u n d e i n e R e i h e w e i t e Konventionsgarantien) verstiessen das Massenüberwachungssystem und das System zur Beschaffung von Kommunikationsdaten bei den Anbietern englischer Kommunikationsdienste. Gemäss dem Urteil der Grossen Kammer des EGMR „Big Brother Watch u.a. c.
Vereinigtes Königreich“ N° 58170/13 + 62322/14 + 24960/15 vom 25.05.2021 [IL Key cases] waren im englischen Recht keine ausreichenden Garantien zum Schutz journalistischer Quellen oder vertraulichen journalistischen Materials vorhanden. Es fehle an veröffentlichten Regelungen für die Tätigkeit der Nachrichtendienste. Überdies kannte das englische Recht damals keine spezifischen Vorschriften, die den behördlichen Zugang auf den Zweck der Bekämpfung schwerer Delikte beschränken.
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Mit der Frage des journalistischen Quellenschutzes bei der Pflicht zur Bekanntgabe der Identität von Kommentarverfassern auf Newsportalen befasst sich das EGMR-Grundsatzurteil
„Standard Verlagsgesellschaft mbH c. Österreich [no. 3]”
(Offenlegung anonymer User) N° 39378/15 vom 07.12.2021 [IL Key cases]. Siehe dazu hinten Rn. 95ff.
53Das EGMR-Urteil „Avaz Zeynalov c. Aserbaidschan” N° 37816/12
u n d 2 5 2 6 0 / 1 4 v o m 2 2 . 0 4 . 2 0 2 1 [ I L 3 ] b e z e i c h n e t e d i e Durchsuchung und Beschlagnahme von Material in der Wohnung, dem Redaktionsbüro und dem Auto eines Chefredaktors einstimmig als unverhältnismässig. Die Behörden argumentierten, der Journalist stehe unter Bestechungsverdacht, denn er habe im Gegenzug für einen Publikationsverzicht annähernd 10 000 CHF von einer Abgeordneten verlangt. Zwar kommen bei einem T a t v e r d a c h t g e g e n M e d i e n l e u t e s t r a f p r o z e s s u a l e — Seite 30 —Zwangsmassnahmen in Betracht. Diese dürfen aber nicht dazu führen, dass der Quellenschutz ausgehebelt wird. Im Oktober 2011 beschlagnahmten die Behörden eine grosse Menge von Material, dem offenkundig der Bezug zu den Ermittlungen gegen den Chefredaktor fehlte. Laut EGMR ist es Sache der Behörden, den Umfang des sicherzustellenden Materials möglichst präzis zu umschreiben, damit eine abschreckende Wirkung auf Medienleute, ihre Informationspersonen und die gesamte Branche unterbleibt. Erschwerend kam hinzu, dass dem Chefredaktor die Unterlagen erst nach einem halben Jahr (im April 2012) zurückgegeben wurden (§ 103-106).
54D a s E G M R - U r t e i l „ A z e r A h m a d o v c . A s e r b a i d s c h a n “
(Telefonüberwachung) N° 3409/10 vom 22.07.2021 [IL 2] betraf die Telefonabhörung beim Chefredaktor einer Oppositionszeitung im Kontext einer Strafuntersuchung wegen eines Messerattentats auf einen seiner Berufskollegen. Die für die Bewilligung der Abhörung zuständige Behörde hatte eine ausreichend präzise Beschreibung der Zwangsmassnahme unterlassen. Die Beschränkung von Art. 8 EMRK (Recht auf Achtung des Privatlebens) beruhte nicht auf der erforderlichen gesetzlichen Grundlage.
9.Staatliche Pflicht zur Gewährleistung freier Kommunikation (Art. 10 EMRK)
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.
10.Zensurverbot (Art. 17 Abs. 2 BV)
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Keine erwähnenswerte Rechtsprechung im Berichtsjahr.