Erläuternder Bericht
Vernehmlassung 2010/123: Änderung von Artikel 119 BV und des Fortpflanzungsmedizingesetzes (Zulassung der Präimplantationsdiagnostik) · 104 Seiten
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1.3.1 Argumente für und gegen die PID generell
Eine erste grundsätzliche Weichenstellung liegt in der Frage, ob man das Verfahren der PID von vorneherein und unter allen Umständen, ungeachtet der Zielsetzung im Einzelnen, ablehnt oder gutheisst.
Argumente gegen die PID generell
Während die PID auch international nur sehr vereinzelt völlig uneingeschränkt Zustimmung findet55, wird sie insbesondere von der katholischen Kirche56, Gentechnik-kritischen Gruppen57 sowie einzelnen Frauenorganisationen58 generell abgelehnt. Neben einigen Stimmen aus Philosophie und Ethik59 möchte auch eine Minderheit der NEK-CNE die PID weiterhin uneingeschränkt verboten sehen (vgl. Ziff. 1.3.4). Die Argumente, die dabei eine Rolle spielen, betreffen einerseits das Verfahren selbst und seine unmittelbaren Auswirkungen:
- Es wird überhaupt für unnatürlich oder im Widerspruch zu religiösen Geboten gehalten, auf den Prozess der menschlichen Fortpflanzung in irgendeiner technischen Weise Einfluss zu nehmen. Anfang und Ende des menschlichen Lebens sind demnach in einer besonderen Weise der Verfügbarkeit des Menschen entzogen bzw. sollen dies bleiben.
- Der Eingriff in die Fortpflanzung impliziert die technische Verfügung über den weiblichen Körper und geht mit der Entwürdigung der Frau einher.
- Embryonen, aus welchen Gründen auch immer, an ihrer Entwicklung zu hindern, ist verwerflich. Sie sind Menschen wie Geborene auch und haben in derselben Weise Anspruch auf Schutz und Anerkennung.
- Erst recht ist verwerflich, diese Anerkennung davon abhängig zu machen, ob bei den Embryonen bestimmte Eigenschaften vorhanden sind oder nicht, also ihre Entwicklungschancen, d.h. die Entwicklungschancen von Menschen, von einer Art «Qualitätstest» abhängig zu machen.
- Die Anerkennung und Liebe für Kinder von deren überprüften genetischen Eigenschaften abhängig zu machen, verzerrt in schädlicher Weise die natürlichen Familienstrukturen.
Andererseits betreffen die Argumente Fernwirkungen des Verfahrens, die durch seine Etablierung und Verbreitung zu befürchten seien. Diese können sich auf die indirekt betroffene, heutige Gesellschaft beziehen, insbesondere aber auch auf die gesellschaftliche Situation in der Zukunft:
55 Vgl. z.B. http://www.hplusmagazine.com/articles/bio/great-designer-baby-controversy- %E2%80%9909 (15.09.2010).
56 Vgl. die Enzyklika Evangelium vitae Johannes Pauls II. vom 19. März 1995 unter http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/encyclicals/documents/hf_jpii_enc_25031995_evangelium-vitae_ge.html (14.09.2010), seither immer wieder bekräftigt.
57 http://www.baslerappell.ch/de/content/themen/documents/check_weg.pdf (14.09.2010)
58 «Aus feministischer Perspektive ist der Preis zu hoch, den Kinderwunsch einer Frau oder eines Paares durch PID zu erfüllen.» http://www.geburtskanal.de/Wissen/PID/Positionspapier.php (14.09.2010)
59 So etwa J. Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Frankfurt/Main: suhrkamp, 4. Auflage, 2002.