Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2019/32: Erläuternder Bericht zur internationalen Zusammenarbeit 2021-2024 · 51 Seiten

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auswirken können. Einer der Hauptgründe für den Rückgang von Malariaerkrankungen um 40 Prozent war beispielsweise die kostenlose Bereitstellung von mit Insektiziden behandelten Moskitonetzen.23

Wirtschaftswachstum ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung. Die Auswirkungen der Hilfe auf das Wirtschafts- und Einkommenswachstum der Entwicklungsländer, insbesondere in Afrika, wurde jedoch von einzelnen Autoren infrage gestellt.24 Wenn es aber nicht um spezifische Programme, sondern um die öffentliche Entwicklungshilfe aller Geber insgesamt geht, ist es viel schwieriger, deren Wirksamkeit oder deren gesamthaften Einfluss auf das Wirtschaftswachstum oder die Armutsreduktion langfristig zu messen, und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens umfasst die öffentliche Entwicklungshilfe unterschiedliche Instrumente (Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe, Friedensförderung, Umweltprogramme usw.), die von den Geberländern in diversen politischen Kontexten unterschiedlich umgesetzt werden. Doch nicht alle Arten von Unterstützung zielen auf ein wirtschaftliches Wachstum ab: Manche Hilfeleistungen können geopolitischen Zwecken oder der Sicherheitspolitik dienen. Die Hilfe beispielsweise, die von den westlichen Grossmächten während des Kalten Krieges an Zaire überwiesen wurde, sollte vor allem verhindern, dass Mobutu Sese Seko sein Land dem Ostblock zuführt. Es erstaunt daher nicht, dass die direkte Unterstützung dieses autokratischen Regimes kein nennenswertes Wirtschaftswachstum zur Folge hatte. Das geopolitische Ziel hingegen wurde erreicht. Die Forschung zeigt ganz allgemein, dass öffentliche Entwicklungshilfe, welche zugunsten von nicht permanenten Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrats geleistet wird, im Vergleich zu jener zugunsten anderer Entwicklungsländer weniger wirksam ist, da sie stärker geopolitischen Zielen untergeordnet wird.25 Auch die humanitäre Hilfe sollte nicht aufgrund ihres Beitrags zum Wirtschaftswachstum beurteilt werden, da sie dazu dient, Leben zu retten und Leid zu lindern. Dieselbe Logik gilt auch für die Friedensförderung und für bestimmte Entwicklungsprogramme mit ökologischen Zielen.

Zweitens ist die Definition der öffentlichen Entwicklungshilfe sehr weit gefasst und bezeichnet deutlich mehr als die IZA. Seit 1969 legt die OECD fest, welche staatlichen Ausgaben der öffentlichen Entwicklungshilfe (APD) angerechnet werden dürfen. Die APD dient dazu, das Engagement der Geberländer zu messen und zu vergleichen. Die Kriterien für die Anrechenbarkeit bestimmter Ausgaben an die APD werden von den OECD-Mitgliedsländern immer wieder angepasst und umfassen nicht nur die IZA (Ziff. 4.1.1): Seit 1992 können beispielsweise auch gewisse Kosten für den Unterhalt von Flüchtlingen in den Geberländern zur APD gerechnet werden. Eine mögliche Anrechnung von Ausgaben im Zusammenhang mit Sicherheit und Klimawandel wird ebenfalls debattiert.

Drittens existiert keine unumstrittene Methode, nach welcher der Einfluss der öffentlichen Entwicklungshilfe auf das Wirtschaftswachstum genau berechnet werden kann, auch wenn viele Empfängerländer in dieser Hinsicht erfreuliche Zahlen aufweisen. Ausserdem werden die Auswirkungen bestimmter Arten von öffentlicher Entwicklungshilfe unter Umständen erst ein Jahrzehnt nach erfolgter Unterstützung sichtbar, was den Nachweis eines Zusammenhangs erschwert.26

Aktuelle wissenschaftliche Studien versuchen diese Schwierigkeiten zu berücksichtigen und zeigen je nach angewandter Methode eine neutrale, leicht positive oder deutliche positive Auswirkung der öffentlichen Entwicklungshilfe auf das Wirtschaftswachstum der Empfängerländer.27

1.2.3 Perspektiven und zukünftige Herausforderungen Bedeutung einer stabilen internationalen Ordnung

Die geopolitischen Umwälzungen der letzten Jahre verstärken die Entwicklung hin zu einer multipolaren Welt, wobei sich die wirtschaftliche und politische Macht vom Westen in den Osten verlagert, da das ökonomische Gewicht mehrerer Länder Asiens stark zugenommen hat. Der internationale Rechtsrahmen und der multilaterale Weg kommen unter Druck aufgrund von Staaten, die bilateral

23 Bhatt S Weiss DJ Cameron E et al, 2015, The effect of malaria control on Plasmodium falciparum in Africa between 2000 and 2015, Nature, 526: 207–211.

24 Insbesondere Easterly, 2006, The White Man’s Burden, Dambisa Moyo, 2009, Dead Aid und Angus Deaton, 2013, The Great Escape. Der Wirtschaftswissenschaftler Angus Deaton, der die Fortschritte der Menschheit im Kampf gegen die Armut und gegen Gesundheitsprobleme aufzeigte, ist der Ansicht, die Hilfe könne in bestimmten Fällen den Gesellschaftsvertrag gefährden, der zwischen einem Staat und seinen Bürgern besteht. Er geht davon aus, dass sich eine Regierung eher den ausländischen Gebern verpflichtet fühlt als der eigenen Bevölkerung, wenn die öffentliche Entwicklungshilfe einen zu hohen Anteil des BIP dieses Staates ausmacht. Er kritisiert folglich vor allem die Budgethilfe an Regierungen, die dazu neigen, ihre politische Klientel zu bevorzugen. Dies beweist, wie wichtig es ist, den demokratischen Rechtsstaat, die politische Partizipation und die Zivilgesellschaft zu unterstützen, um den Bürgerinnen und Bürgern der Entwicklungsländer zu ermöglichen, ihre Rechte geltend zu machen und zur Umsetzung des Gesellschaftsvertrags beizutragen.

25 Axel Dreher, Vera Eichenauer und Kai Gehring, 2018, Geopolitics, Aid, and Growth: The Impact of UN Security Council Membership on the Effectiveness of Aid, The World Bank Economic Review, Vol. 32, Issue 2, S. 268–286.

26 Michael Clemens, Steven Radelet, Rikhil R. Bhavnani und Samuel Bazzi, 2011, Counting chickens when they hatch: Timing and the effects of aid on growth, The Economic Journal Vol. 122, Issue 561, S. 590–617.

27 Steven Radelet und Ruth Levine in William Easterly (Hrg.), 2008, Reinventing Foreign Aid, S. 431 ff. ; Sebastian Galiani et al., 2017, The effect of aid on growth: evidence from a quasi-experiment, Journal of Economic Growth, Vol. 22, Issue 1, S. 1–33. Erläuternder Bericht zur internationalen Zusammenarbeit 2021–2024 (02.05.2019)