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Vernehmlassung 2009/141: Bericht zur Zukunft der nationalen Infrastrukturnetze in der Schweiz · 71 Seiten
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Die Funktionalität von Infrastrukturnetzen wird aber nicht allein durch die Netzarchitektur bestimmt, sondern auch von der Wechselwirkung zwischen Netz und Prozess. Wieder gibt es sektorielle Unterschiede: Während das Verkehrsaufkommen auf der Strasse das Resultat unzähliger individueller Entscheidungen der einzelnen Fahrzeuglenker ist und darum nie genau vorhergesagt werden kann, ist die der Bahnverkehr durch einen fixen Fahrplan genau geregelt. Solange genügend freie Kapazitäten im Netz vorhanden sind, spielen diese Unterschiede der Prozesssteuerung keine ausschlaggebende Rolle. Erst wenn die Beanspruchung des Netzes nahe an die maximale Belastungsgrenze kommt, ändert sich dies: Dann neigen dezentral koordinierte Prozesse an kritischen Stellen des Netzes (z.B. an Kreuzungen) zu spontanen Blockaden, die sich bei fehlender Redundanz auf die weitere Netzumgebung ausweiten können. Um den kritischen «Kipp-Punkt» des Systems möglichst weit hinauszuschieben, müssen darum die dezentralen Entscheidungsprozesse punktuell durch zentrale Koordination (z.B. durch eine Lichtsignalanlage) übersteuert werden.
Aber nicht nur Netz und Nutzer sowie die Nutzer untereinander stehen in einer komplexen Wechselwirkung, sondern auch die Netze selbst. Je nach Umständen kann die Wechselwirkung zwischen Netzen substitutiv (Hochgeschwindigkeitszüge ersetzen Kurzstreckenflüge) oder komplementär (Gas-Kombi-Kraftwerke brauchen Gasleitungen) sein. Zur Komplexität tragen auch unterschiedliche technische Spezifikationen und Prozessabläufe auf mehreren Ebenen des gleichen Netzes bei, wie es aufgrund der historischen Entwicklung in Europa der Fall ist. Die grenzüberschreitende Interoperabilität der europäischen Infrastrukturnetze kann entweder durch die Harmonisierung der technischen Normen11 oder – wenn dies nicht möglich bzw. zu aufwändig ist – durch mehrsystemfähige Betriebsmittel12 sichergestellt werden.
2.3 Ökonomische Eigenschaften
Der Bau von Infrastrukturnetzen erfordert in der Regel grosse Investitionen. Diese haben oft den Charakter «versunkener Kosten»: Da sich die Anlagen meist nur für einen bestimmten Zweck eignen, können sie, wenn sie nicht mehr benötigt werden, kaum anderweitig verwertet oder auf dem freien Markt veräussert werden – das in der Infrastruktur gebundene Kapital ist unwiederbringlich «versunken». Dies stellt eine hohe Hürde für Investitionen in neue Infrastrukturen dar. Sind diese aber einmal getätigt, verursacht der Betrieb der Netze – solange die Kapazitätsgrenze nicht erreicht ist13– meist verhältnismässig geringe, manchmal sogar verschwindend kleine Grenzkosten: so erhöht ein zusätzlicher Telefonanruf den Betriebsaufwand für das Fernsprechnetz nicht spürbar, ermöglicht es aber, diesen Aufwand auf mehr Anrufe zu verteilen, so dass die durchschnittlichen Kosten pro Anruf sinken, wenn mehr Teilnehmer das Netz benutzen.
Umgekehrt wird ein Netzwerk für jeden einzelnen Nutzer umso attraktiver, je mehr Teilnehmer daran angeschlossen sind – zumindest solange sich diese bei der Nutzung nicht gegenseitig behindern. Das zeigt sich exemplarisch beim Internet, das erst durch seine allgemeine
11 Dieser Aufgabe widmen sich internationale Organisationen wie z.B. der internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), der Union Internationale des Chemins de Fer (UIC), der International Electrotechnical Commission (IEC), der Conférence Européenne des Administrations des Postes et des Télécommunications (CEPT) usw.
12 Ein alltägliches Beispiel sind Adapter für verschiedene Steckdosen-Typen. Im grenzüberschreitenden Bahnverkehr kommt oft Rollmaterial zum Einsatz, das mit unterschiedlichen Zugsicherungssystemen, Stromarten und mitunter sogar Spurweiten betrieben werden kann.
13 Wird die Kapazitätsgrenze erreicht, steht in der Regel ein sprunghafter Anstieg der Grenz- und Durchschnittskosten an, weil die Infrastruktur durch meist aufwändige Ausbauten erweitert werden muss. Ist die Zusatzkapazität bereitgestellt, sinken bei steigender Auslastung die Durchschnittskosten wieder, bis zum nächsten Sprung.