Bericht Gesetz

Vernehmlassung 2005/35: Verfassungsbestimmung und Bundesgesetz über die Forschung am Menschen · 137 Seiten

Fedlex · Erläuternder Bericht · Seite 33Fedlex · Erläuternder Bericht

Forschung mit verstorbenen Personen, die künstlich beatmet werden («Hirntoten45»)

Diese Forschung beschäftigt sich z.B. mit der Diagnose des «Hirntodes»46 oder mit der Qualitätserhaltung von Organen, zu der die Verhinderung von Entzündungen, die Erhaltung der Blutqualität oder die Verbesserung des Energiehaushaltes47 gehören. Darüber hinaus wird mit «Hirntoten» auch in der Neurologie geforscht. So wurden z.B. Messungen am Rückenmark vorgenommen, die zu neuen Erkenntnissen über funktionelle und strukturelle Reparaturmechanismen des Zentralnervensystems (ZNS) führten48. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse der so genannten «Neurogenese» werden bereits heute an Patientinnen und Patienten mit ZNS-Störungen therapeutisch angewendet49.

Traumatomechanische Forschung

Im Rahmen der traumatomechanischen Forschung werden Unfallvorgänge nachgestellt, um die Auswirkungen auf den menschlichen Körper zu untersuchen. Für die Messung von traumatomechanischen Belastungen (z.B. die Belastungstoleranz von Schädelknochen, Wirbelknochen, Rippen etc.) sind teilweise Studien an Leichen erforderlich50. Das Ziel dieser traumatomechanischen Forschung ist unter anderem die Verbesserung der Sicherheitssysteme von Kraftfahrzeugen.

Kriminalistik-Forschung zum Tathergang und zum Todeszeitpunkt

In der Rechtsmedizin werden unter anderem Leichen eingesetzt, um einen Tathergang zu rekonstruieren, was der Aufklärung von Tötungsdelikten dient. Um den Todeszeitpunkt zu bestimmen, wird in der Insektenkunde (forensische Entomologie) die Wirkung von Insekten auf Leichen beobachtet. Die Entwicklungsstadien der Insekten geben beispielsweise Hinweise auf den Todeszeitpunkt. Diese Forschung trägt dazu bei, die Aufklärung von Straftaten zu verbessern.

Anatomische Forschung

Die Forschung in der Anatomie, die sich mit dem Bau des menschlichen Körpers auf allen Ebenen von der Makroskopie bis hin zur hochauflösenden Elektronenmikroskopie befasst, ist bei weitem nicht abgeschlossen. Damit die in der medizinischen Diagnostik neu entwickelten bildgebenden Verfahren (z.B. die Positronenemissions-Tomographie) in der medizinischen Praxis eingesetzt werden können, müssen vorgängig detaillierte anatomische Studien durchgeführt werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Bilder korrekt interpretiert werden können. Darüber hinaus müssen vor der Einführung neuer Operationstechniken die anatomischen Strukturen sorgfältig analysiert werden, damit die optimalen Zugänge für das Operationsverfahren gewährleistet sind.

45 Der heute gebräuchliche Begriff «Hirntod» verleitet zur falschen Annahme, dass im Stadium des «Hirntodes» nur das Hirn tot sei, und dass es somit verschiedene Arten des Todes gebe. Richtigerweise müsste man von «Tod durch Ausfall des gesamten Hirns» sprechen. Aus diesem Grund wird der Begriff «Hirntod» in Anführungszeichen gesetzt.

46 Vgl. Stocker R, Maintenance of integrity of organ function in potential organ donors, in: Schweizerische medizinische Wochenschrift 127, 1997, 24, S. 1044-1050.

47 Vgl. Venkataraman R, Song MC. u.a., Hemoadsorption to improve organ recovery from brain-dead organ donors. A novel therapy for a novel indication? in: Blood purification, 22 (1) 2004, S. 143-149.

48 Vgl. Schalow G, Zach GA, Reorganization of the human CNS – Neurophysiologic measurements on the coordination dynamics of the lesioned human brain and spinal cord, in: General physiology and Biophysics 19 (2000) Suppl. 1, S. 11 f.

49 Schalow G, Koordinationsdynamik Therapie, in: Physiotherapie, Sonderdruck des Schweizerischen Physiotherapieverbandes, 2001.

50 Vgl. Mattern R, Traumatomechanische Forschung an Leichen – Ist sie wissenschaftlich stringent? in: Heidelberger Jahrbücher XXXVI- II, Springer Verlag, 1994.