Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2008/14: Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes (Präimplantationsdiagnostik) · 74 Seiten

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Möglichkeiten der modernen Reproduktionsmedizin tendenziell weniger ablehnend gegenüber, wenngleich auch dort kontroverse Debatten geführt werden.71

1.3.7 Weitergehende Anwendungsmöglichkeiten

Neben dem hier zentralen Anwendungsgebiet, eine schwere Krankheit des Kindes zu verhindern, gibt es eine Reihe weiterer, ethisch grundsätzlich anders zu beurteilender Anwendungsmöglichkeiten für die PID:

- PID zur Erhöhung der Erfolgsrate bei künstlicher Befruchtung (vgl. Ziff. 1.2.4.2): In neuerer Zeit mehren sich die Hinweise, dass der beabsichtigte positive Effekt durch die Beeinträchtigungen, die mit der PID verbunden sind, mindestens aufgehoben wird, so dass sich unabhängig von der ethischen Beurteilung rein medizinisch keine Vorteile ergeben.72 Natürlich kann auch ethisch nicht gerechtfertigt werden, was medizinisch kontraindiziert ist.

- PID zur HLA-Typisierung («Retter-Baby», «Design-Baby», vgl. Ziff. 1.2.4.4): Auch wenn etwa die NEK-CNE in ihrer zweiten Stellungnahme zur PID keine eindeutige Position gegenüber dieser Methode bezieht, sehen viele darin eine unannehmbare Verzweckung des nachgeborenen Kindes. Darüber hinaus wird auch an dieser Stelle befürchtet, dass die Grenzen einer solchen Verwendung als Gewebespender sich schleichend verschieben könnten, sowohl in Bezug auf die betroffenen Gewebearten oder Organe, als auch im Hinblick auf mögliche Empfänger jenseits der Geschwister.

- PID zur Eigenschaftsauswahl ohne Krankheitsbezug: Theoretisch kann jedes beliebige, genetisch verursachte Merkmal eines Menschen zum Auswahlkriterium erhoben werden, fern jeglichen Bezuges zu einer Krankheit (vgl. Ziff. 1.2.4.5: «social sexing», «family balancing»).73

Tatsächlich bleiben die Möglichkeiten der Technik an dieser Stelle weit hinter den Schreckensbildern aus der Science-Fiction-Literatur zurück, erst recht im Hinblick auf so komplexe Eigenschaften wie Intelligenz oder musische Begabung. Nichtsdestotrotz ist es gerade diese Ausweitung der Anwendung auf beliebige, nicht krankheitsbezogenen Präferenzen entsprungene Kriterien, die mit der vorliegenden Regelung verhindert werden soll. Die Auswahl beispielsweise eines blauäugigen Kindes mittels PID ist in keiner Weise ethisch legitimierbar. Insofern soll es auch keine Abgrenzungsschwierigkeiten in der Grauzone zwischen Krankheit und nicht krankheitsrelevanten Merkmalen geben, weil ausschliesslich in eindeutigen Fällen, in denen mit einer massiven Gesundheitsbeeinträchtigung zu rechnen ist, die Durchführung der PID erlaubt sein soll.

Die erheblichen ethischen Bedenken gegenüber diesen weitreichenden Anwendungsmöglichkeiten werden auch in der Kombination mit der von der

71 Vgl. zu diesem Abschnitt NEK-CNE, Forschung an embryonalen Stammzellen, Stellungnahme Nr. 3/2002, S. 39 ff.

72 B. Goldman, The First Cut. Extracting a cell from a budding human embryo can expose genetic defects, but does it actually help generate more healthy babies?, Nature, 2007, 445, S. 479 f.

73 http://geneticsandsociety.org/article.php?id=2740 (14.01.2008).