Das Recht auf angemessene Wohnung im UNO-Pakt I
- Quelle
- suigeneris-verlag.ch ↗
- Reihe
- sui generis 072
- Verlag
- sui generis Verlag
- Sprache
- Deutsch
- DOI
- 10.38107/072
II.Ausblick auf weitere Forschungsfragen
581Mit den in dieser Arbeit geschaffenen dogmatischen und methodischen Grundlagen können weitere Wohn- und Lebensrealitäten, die einer menschenrechtlichen Auseinandersetzung im Lichte des Rechts auf angemessene Wohnung bedürfen, untersucht werden. In Europa und insbesondere der Schweiz wäre die Vereinbarkeit der folgenden Wohnsituationen mit dem Recht auf angemessene Wohnung zu überprüfen:
—Die Wohnsituation von Sozialhilfebezüger:innen insbesondere im Hinblick auf die staatliche Festlegung von Mietzinsrichtlinien und die häufig damit verbundene Aufforderung, sich eine kostengünstigere Wohnung zu suchen, was insbesondere in Städten für die betroffenen Personen zu Schwierigkeiten führt.
—Die fehlenden Anschlussmöglichkeiten für Frauen, die aufgrund häuslicher Gewalt vorübergehend in Frauenhäusern wohnen.
—Die staatlichen Unterbringungsmöglichkeiten von asylsuchenden Personen, anerkannten Flüchtlingen sowie abgewiesenen Flüchtlingen.
—Die Wohnsituation und der Zugang zum (Miet-)Wohnungsmarkt von Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen.
582Darüber hinaus hat sich die vorliegende Dissertation ausschliesslich auf die Analyse des Rechts auf angemessene Wohnung im UNO-Pakt I beschränkt. Aufgrund der Interdependenz aller Menschenrechte wäre in einem weiteren Schritt zu untersuchen, inwiefern sich einzelne der hier eruierten materiellen sowie prozeduralen Teilgehalte mit denjenigen bestimmter Menschenrechte des UNO-Pakts II und der EMRK decken. So schützen das Recht auf Leben, das Verbot der unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung sowie das Recht auf Privatsphäre ähnliche Teilgehalte wie das Recht auf angemessene Wohnung. Mithin wäre das Potential des Rechts auf angemessene Wohnung im Lichte bestimmter Integritäts- und Freiheitsrechte aufzuzeigen.
583Im Weiteren ist zu klären, welchen Einfluss das Recht auf angemessene Wohnung im Rahmen einer menschenrechtskonformen Auslegung auf nationale Verfassungsnormen, die ebenfalls ein Recht auf Wohnung oder auf Obdach verankern, hat. Zu denken ist hier beispielsweise an Art. 12 BV, der im Kontext des Rechts auf Hilfe in Notlagen ein implizites Recht auf Obdach vorsieht und dessen Konkretisierung im Lichte des Rechts auf angemessene Wohnung allenfalls zu einer Ausweitung des grundrechtlichen Schutzes führen würde.
— S. 245 —584Schliesslich bedarf es einer Auslegung des Rechts auf angemessene Wohnung im Lichte der vorherrschenden Menschenrechtsdoktrin bezüglich des Globalen Südens. Die vorliegende Dissertation hat den Fokus bewusst auf die Auseinandersetzung mit dem Recht auf angemessene Wohnung im Globalen Norden beschränkt. Die hier verwendete Literatur stammt deshalb — mit einigen Ausnahmen — von Expert:innen, die an Universitäten des Globalen Nordens tätig sind. Für eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Recht auf angemessene Wohnung ist es nach hiesiger Meinung allerdings notwendig, die Literatur und die Staatenpraxis des Globalen Südens mitzuberücksichtigen. In diesem Sinne würde eine sogenannte TWAIL-Perspektive auf das Recht auf angemessene Wohnung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem differenzierten Auslegungsergebnis führen.
— S. 246 —Über die Autorin:
Marisa Beier (MLaw) studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Freiburg i.Ü., Schweiz, und Stockholm, Schweden. Sie war Doktorandin an der Universität Zürich und forschte im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunktes «Equality of Opportunity» in den Themenbereichen Armut sowie internationaler Menschenrechts- und Diskriminierungsschutz.
Darüber hinaus hat sie gemeinsam mit Arezoo Sang Bastian, Julia Meier, Nicole Nickerson und Youlo Wujohktsang den Verein Feministisch.Ius gegründet. In diesem Rahmen hat sie sich mit den Legal Gender Studies und deren Sichtbarkeit in den Rechtswissenschaften auseinandergesetzt. Sie arbeitet zurzeit im Rechtsdienst der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich. Marisa Beier setzt sich weiterhin sowohl in ihrem Beruf als auch in ihrer Freizeit für einen wirksamen Menschen- und Grundrechtsschutz in der Schweiz ein.
— S. 247 —020— Raphaël Marlétaz: L’harmonisation des lois cantonales d’aide sociale — Une analyse des obligations internationales des droits humains
La Constitution fédérale laisse beaucoup de liberté aux cantons suisses pour réglementer leurs régimes d’aide sociale. De grandes différences subsistent en la matière. Les personnes vivant en Suisse, selon leur lieu de domicile, n’ont pas toutes accès aux mêmes prestations et ne bénéficient donc pas de la même protection contre la pauvreté.
Or, ce phénomène a un impact conséquent sur la jouissance des droits humains, qui font pourtant l’objet de conventions internationales ratifiées par la Suisse nécessitant une mise en œuvre sur l’ensemble de son territoire. Dans ce contexte, cet ouvrage cherche à savoir si ces garanties internationales exigent une harmonisation des droits cantonaux de l’aide sociale. À l’aune de la pandémie mondiale récente de COVID-19, qui ne s’arrête pas aux frontières cantonales et qui touche durement les populations précaires de Suisse, cette question revêt une grande actualité.
L’auteur y répond en démontrant, selon plusieurs critères juridiques, différentes obligations concrètes d’harmonisation. Cette démarche permet d’avancer vers une réponse globale à un problème qui touche et touchera à l’avenir de nombreux individus de la population suisse, quel que soit leur domicile : la pauvreté.
sui generis
NISATION CANTONALES CIALE
L’harmonisation des lois cantonales d’aide sociale
Une analyse des
obligations internationales
des droits humains
Raphaël Marlétaz
Disponible en version imprimée et
en Open Access sur suigeneris-verlag.ch — S. 248 —073 — Helen Keller / Corina Heri (eds): Reparation for Climate Change:
The Successes and Limits of Litigation
Climate lawsuits have reached the courts. While the initial rulings primarily address the obligations of states and major CO2 emitters, future cases will require courts to consider issues of compensation. This volume aims to shed light on the following questions: How can compensation for climate loss and damage be claimed? At what point can CO2 emissions be considered harmful? How do the courts engage with climate science? How is climate damage quantified? How should historical CO2 emissions be assessed to determine a just amount of compensation in an intergenerational and transnational context? Bringing together legal experts from private and public law as well as experts from the insurance industry, the social sciences, and economics, this volume is essential reading for anyone concerned with climate damage.
sui generis
Reparation for Climate Change: The Successes and Limits of Litigation
Helen Keller
Corina Heri
(eds)
Available in print and Open Access at
suigeneris-verlag.ch
— S. 249 —069— Nathalie Pompe: Constitutional Rights in the Digital Context — Exploring a Translation of the Constitutional Political Rights into the Digital Sphere
The research discusses regulatory deficits at the intersection of constitutional law and its practical affordance in the digital era. This dissertation is based on the legal policy objective of evaluating future regulations in terms of their suitability for the realisation of political rights in the changed digital environment. The dissertation suggests specific evolutions of legal theory to respond to the technological era and ends with a few specific regulatory proposals.
sui generis
TUTIONAL IN TH E L CONTEXT
Constitutional Rights in the Digital Context
Exploring a Translation of
the Constitutional Political Rights
into the Digital Sphere
Natalie Pompe
Available in print and Open Access at
suigeneris-verlag.ch
— S. 250 —sui generis ist ein Verein, der sich der Förderung des freien Zugangs zu juristischer Literatur, Gerichtsurteilen, Behördenentscheidungen und Gesetzesmaterialien verschrieben hat. Unter dem Label sui generis erscheint seit 2014 eine juristische Open-Access-Fachzeitschrift. 2019 erfolgte die Gründung des sui generis Verlags. In der sui generis Reihe werden juristische Dissertationen und Habilitationen sowie Lehrbücher und Fachpublikationen einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Die Bücher erscheinen als gedruckte Werke und online. Die digitale Version ist weltweit kostenlos zugänglich (Open Access). Die Urheberrechte verbleiben bei den AutorInnen; die Werke werden unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht.
Bisher bei sui generis erschienen: Grundlagen
019 — APARIUZ XXII: Unter Gleichen
025— Severin Meier: Indeterminacy of International Law? 026 — Marc Thommen: Introduction to Swiss Law (2nd edition, 2022)
028 — APARIUZ XXIII: Recht in der Krise
044— Alex Attinger: Wirtschaftliche Berechtigung — Konzepte und Dogmatik
051 — APARIUZ XXIV: Der Prozess
052 — Arezoo Sang Bastian: Between Islamic and Secular Law
Öffentliches Recht 009 — Dominik Elser: Die privatisierte Erfüllung staatlicher Aufgaben 010 — David Henseler: Datenschutz bei drohnengestützter Datenbearbeitung durch Private
015 — Frédéric Erard: Le secret médical
016— Valentin Botteron: Le contrôle des concentrations d’entreprises
017 — Monika Pfyffer von Altishofen: Ablehnungs- und Umsetzungsraten von
Organtransplantationen — mögliche Ursachen und denkbare Auswege 018 — Kristin Hoffmann: Kooperative Raumplanung: Handlungsformen und Verfahren 020 — Raphaël Marlétaz: L’harmonisation des lois cantonales d’aide sociale
021 — Roger Plattner: Digitales Verwaltungshandeln
024— Marina Piolino: Die Staatsunabhängigkeit der Medien
027 — Maja Łysienia: Seeking Convergence?
033 — Joséphine Boillat / Stéphane Werly: 20 ans de la transparence à Genève
034 — Nora Camenisch: Journalistische Sorgfalt: Rechtliche und medienethische Anforderungen 036 — Jeremias Fellmann: Das Verbot von extremistischen Organisationen im schweizerischen Recht 037 — Nils Reimann: Foreign Electoral Interference: Normative Implications in Light of International Law, Human Rights, and Democratic Theory 040 — Constance Kaempfer: Les mécanismes de mise en œuvre du droit international par les cantons suisses 041 — Lukas Valis: Digitale Ökonomie: Erforderlichkeit sektor spezifischer ex-ante Regulierung? 045 — Corina Ingold: Das Kompensationsprinzip im Schweizer Raumplanungsrecht
— S. 251 —046 — Miriam Lüdi: Zielkonflikt zwischen Lärmschutz und Siedlungsverdichtung 047 — Luca Ruggiero: Effets non coordonnés dans le contrôle des concentrations horizontales européen 053 — Yannick Weber: Die Nichtigkeit im öffentlichen Recht 058 — Olga Uehlinger: Auswirkungen des BEPS-Projekts der OECD auf die Steuerordnung der Schweiz: Umsetzung des Aktionspunkts 5 061 — Pauline Meyer: La cybersécurité des infrastructures critiques et la gestion de cyberincidents en droit suisse 066 — Roman Schuppli: Die bevölkerungsnahe Polizei(-arbeit) und ihre Grenzen 067 — Marc Wohlwend: Zur Kausalität zwischen psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz und Erkrankungen 068 — Tobias Egli: Der Grundsatz der Siedlungsentwicklung nach innen und seine Umsetzung 069 — Natalie Pompe: Constitutional Rights in the Digital Context. Exploring a Translation of the Constitutional Political Rights into the Digital Sphere 070 — Vladislava Talanova: Biobanques humaines, internormativité et gouvernance. Etude de la gouvernance des biobanques sous l’angle du droit suisse 071 — Livia Enzler: Frozen Conflicts in International Law. Challenging Legal Categories in the Post-Soviet Space
Privatrecht 011 — Lorenz Raess: Court Assistance in the Taking of Evidence in International Arbitration
012 — Christoph Hurni / Christian Josi / Lorenz Sieber: Das Verfahren vor dem Berner
Kindes- und Erwachsenenschutzgericht 013 — Emanuel Bittel: Die Rechnungsstellung im schweizerischen Obligationenrecht 022 — Nicole Roth: Miteigentum an Grundstücken und einfache Gesellschaft 023 — Reto Pfeiffer: Vertragliche Rechtsfolge der «Verwendung missbräuchlicher Geschäftsbedingungen» (Artikel 8 UWG) 030 — Christoph Mettler: Der Anscheinsbeweis im schweizerischen Zivilprozess
035 — Florent Thouvenin / Eva-Maria Messerle: Zur Geschichte des Eigengebrauchs im schweizerischen Urheberrecht — Entwicklung, Erkenntnisse, Quellen 038 — Lukas Hussmann: International anwendbare Streitgenossenschaftsgerichtsstände 039 — Ruedi Ackermann: Der Mietvertrag mit mehreren Mietern 042 — Andreas Wehowsky: Expedited Procedures in International Commercial Arbitration 043 — Myriam Christ: Le profilage dans le cadre d’une procédure d’embauche entre particuliers
050 — Ricarda Stoppelhaar: Die Indirekte Stellvertretung
056 — Saskia Thomi: Die Verantwortungs gemeinschaft 057 — Dana Mareckova: Blockchain and Collective Rights Management of Copyright and Related Rights at the Global Level: The Case of the Music Industry 063 — Simon
R.Lang: Einordnung und Gestaltung der Rechtsverhältnisse in der Stromversorgung
064 — Johannes Lukas Hermann: Das pactum de non cedendo im System der
Unabtretbarkeit von Forderungen
Strafrecht
014 — Stephan Bernard: Was ist Strafverteidigung?
029 — Simone Walser / Nora Markwalder / Martin Killias: Tötungsdelikte in der Schweiz
von 1990 bis 2014 031 — Martin Klingler: Füllung der Gesetzeslücken im schweizerischen Adhäsionsverfahren
— S. 252 —032 — Nicolas Leu: Kritik der objektiven Zurechnung 048 — Benjamin Clément: Die strafbare Unterlassung der allgemeinen Lebensrettungspflicht 049 — Martin Seelmann: Strafzumessung und Doppelverwertung 054 — Sonja Mango-Meier: Verantwortlichkeit des Fahrzeughalters bei geringfügigen Widerhandlungen gegen das schweizerische Strassenverkehrsrecht durch eine unbekannte Täterschaft 055 — Sena Hangartner: Strafrechtliche Dopingbekämpfung in der Schweiz 059 — Delphine Brun: Dangerosité : du juge influencé par l’expert au juge indépendant 060 — Luca Ranzoni: Gerechte Strafen ohne Gleichheit? 062 — Marc Thommen: Der Staatsanwalt als Richter. Dürfen Freiheitsstrafen in Strafbefehlen ausgefällt werden? 065 — Florian Jenal: Die privatklägerische Strafklage gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung — und einige Überlegungen zur Restorative Justice
— S. 254 —Dieses Werk ist erschienen in der Reihe sui generis, herausgegeben von Marc Thommen.
1.Auflage 25. Februar 2026
© 2026 Marisa Beier
Die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich hat vorliegende Arbeit am 11. Dezember 2024 auf Antrag von Prof. Dr. Regina Kiener und Prof. Dr. Judith Wyttenbach als Dissertation mit dem Prädikat summa cum laude abgenommen.
Abdruck der von der Rechtswissenschaflichen Fakultät der Universität Zürich genehmigten Dissertation.
Dieses Werk wurde unter einer Creative Commons Lizenz als Open Access veröffentlicht, die bei Weiterverwendung nur die Nennung des Urhebers erfordert (CC BY 4.0 — https://creativecommons.org/licenses/by/4.0).
Die Druckvorstufe dieser Publikation wurde vom Schweizerischen
Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung unterstützt.
ISBN: 978-3-907297-72-8
DOI: 10.38107/072
Korrektorat: Christoph Meyer
Gestaltung: Müller+Hess, Basel
Druck: Ebner & Spiegel, Ulm
Zentrales Auslieferungslager in der EU ist die GVA Göttingen,
Anna-Vandenhoeck-Ring 36, 37081 Göttingen, [email protected]
sui generis Verlag, Viaduktstrasse 21, 8005 Zürich
www.suigeneris-verlag.ch, [email protected]
— S. 256 —DAS RECHT
GEMESSENE
IM UNO-PAK
Die Dissertation untersucht das Recht auf angemessene Wohnung des UNO-Pakts I und geht der Frage nach, welche staatlichen Kernverpflichtungen sich gegenüber obdachlosen Menschen ergeben. Die Arbeit setzt sich mit den strukturellen Ursachen von Obdachlosigkeit sowie den davon betroffenen Personengruppen im Globalen Norden auseinander und hebt die prekäre Situation von Notunterkünften hervor. Auf dieser Grundlage konkretisiert die Arbeit den sachlichen Schutzbereich des Rechts auf angemessene Wohnung anhand der Wiener Vertragsrechtskonvention. Dabei werden namentlich die Anforderungen an eine angemessene Wohnung bzw. Notunterkunft definiert. Im Ergebnis zeigt die Arbeit auf, wie das Phänomen der Obdachlosigkeit vom Recht auf angemessene Wohnung erfasst wird, und identifiziert die daraus erwachsenen justiziablen Kernverpflichtungen.
sui generis
ISBN 978-3-907297-72-8
DOI 10.38107/072