Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2026/58: 23.443 n Pa. Iv. Addor. Ausweisung krimineller Ausländerinnen und Ausländer. Interessenabwägung mit gesundem Menschenverstand · 24 Seiten

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Bei der Prüfung des schweren persönlichen Härtefalls werden unterschiedliche Aspekte beachtet20, wobei der Fokus jeweils auf die Situation in der Schweiz und auf die Situation im Heimatland der verurteilten ausländischen Person zu legen ist.21 Zu berücksichtigen sind im Rahmen der Härtefallprüfung insbesondere die Anwesenheitsdauer (in der Schweiz), die familiären Verhältnisse (in der Schweiz und im Heimatland), der Grad der Integration (in der Schweiz und im Heimatland), die Arbeits- und Ausbildungssituation (in der Schweiz und im Heimatland), die Persönlichkeitsentwicklung seit der Anlasstat, die Reintegrationschancen beziehungsweise allfällige Reintegrationshindernisse (im Heimatland), die Resozialisierungschancen (in der Schweiz und im Heimatland) sowie der Gesundheitszustand und die Behandlungsmöglichkeiten (in der Schweiz und im Heimatland).22

Im Rahmen der Interessenabwägung sind bei der Bestimmung des öffentlichen Interesses unter anderem die ausgefällte Strafe beziehungsweise die Art und Schwere der begangenen Delikte, die Rückfallgefahr und die wiederholte Straffälligkeit von Bedeutung. Diesbezüglich dürfen auch Straftaten berücksichtigt werden, die vor dem Inkrafttreten der Bestimmungen zur Landesverweisung23 begangen worden sind.24 Die privaten Interessen der verurteilten ausländischen Person decken sich mit den Kriterien der Härtefallprüfung (siehe vorstehende Ausführungen). Gemäss Bundesgericht reicht der blosse Aufenthaltswille aus irgendwelchen Gründen nicht aus. Vielmehr muss es sich bei den privaten Interessen stets um rechtserhebliche Interessen handeln.25

20Der Begriff des «schweren persönlichen Härtefalls» ist aus dem Migrationsrecht bekannt

(vgl. insbesondere Art. 30 Abs. 1 Bst. b Ausländer- und Integrationsgesetz [AIG;

SR 142.20], Art. 14 Abs. 2 Bst. c Asylgesetz [AsylG; SR 142.31] sowie Art. 31 Abs. 1 Verordnung über Zulassung, Aufenthalt und Erwerbstätigkeit [VZAE; SR 142.201]) und wurde von der migrationsrechtlichen Rechtsprechung bereits umfassend konkretisiert. Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung lässt sich zur kriteriengeleiteten Prüfung eines «Härtefalls» im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB der Kriterienkatalog der Bestimmung über den «schwerwiegenden persönlichen Härtefall» in Art. 31 Abs. 1 VZAE heranziehen (vgl. u. a. Urteil 6B_362/2023 vom 21. Juni 2023 E. 2.1.2, mit Verweis auf BGE 146 IV 105 E. 3.4.2, mit weiteren Hinweisen). Vgl. auch BUSSLINGER/UEBERSAX, S. 117; BSK Strafrecht I-ZURBRÜGG/HRUSCHKA, Art. 66a N 117 ff.; ROSSI, S. 46.

21Vgl. u. a. BUSSLINGER/UEBERSAX, S. 101; GEISELMANN, S. 77; Botschaft zur Umsetzung

der Ausschaffungsinitiative, S. 6029 sowie Fussnote 173; ROSSI, S. 45.

22Vgl. u. a. BUSSLINGER/UEBERSAX, S. 101 f.; GEISELMANN, S. 77; ROSSI, S. 46 ff.

23Die Bestimmungen zur Landesverweisung in Art. 66a ff. StGB und Art. 49a ff. MStG

sind seit dem 1. Oktober 2016 in Kraft. Sie gehen auf die am 28. November 2010 von Volk und Ständen angenommene Volksinitiative «für die Ausschaffung krimineller Ausländer» (Ausschaffungsinitiative)» zurück (vgl. Volksinitiative vom 15. Februar 2008, AS 2011 1199) und setzen Artikel 121 Absätze 3–6 BV um.

24Eine Landesverweisung kann nur angeordnet werden, wenn der Täter nach Inkrafttreten

der Gesetzesänderung eine ausschaffungsrelevante Tat nach Art. 66a Abs. 1 Bst. a–p StGB, Art. 49a Abs. 1 Bst. a–h MStG, Art. 66abisStGB oder Art. 49abisMStG begangen hat, was sich aus Art. 2 StGB ergibt. Vgl. u. a. Urteile 6B_651/2018 vom 17. Oktober 2018 E. 8.3.3; 6B_1043/2017 vom 14. August 2018 E. 3.2.2.

25Urteil 6B_1123/2020 vom 2. März 2021 E. 3.3.8. Vgl. zum Ganzen:

BUSSLINGER/UEBERSAX, S. 102 f.; GEISELMANN, S. 77.