Erläuternder Bericht
Vernehmlassung 2023/42: Änderung des Zivilgesetzbuches (Gewaltfreie Erziehung) · 22 Seiten
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und Belgien verfügen über keine Regelung, wobei festzuhalten ist, dass in Belgien Ar-
beiten im Gange sind. Im Europarat haben 34 der total 46 Mitgliedstaaten15 ein aus-
drückliches Gewaltverbot gesetzlich verankert.16 Ein Grossteil der europäischen Staa-
ten hat somit in der Zwischenzeit Bestimmungen geschaffen, um die Gewalt in der Er-
ziehung zu verbieten respektive die gewaltfreie Erziehung zu fördern.17
Über eine zivilrechtliche Regelung verfügen zum Beispiel Österreich (1989), Dänemark
(1997), Deutschland (2000), Niederlande und Spanien (2007), Liechtenstein (2008)
und Frankreich (2019). Im Pionierland Schweden (1979) ist die Bestimmung in einem
«Amendment to the Children and Parents Code» als Teil des Swedish Code of Statutes
enthalten.18 Schweden, Österreich, Liechtenstein und Dänemark sehen eine spezifi-
sche Formulierung in Form eines Verbots von Körperstrafen, seelischem Leid bzw.
weiteren erniedrigenden Handlungen vor.19 Deutschland hat seit 1.1.2023 die Formu-
lierung im Sinne eines Gebots der Gewaltfreiheit abgeändert.20 In Deutschland und
Österreich ist die Regelung mit einem Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung ver-
bunden.21 Frankreich, Spanien und die Niederlande verpflichten die Eltern im Rahmen
ihrer elterlichen Sorge, diese unter Beachtung der physischen und psychischen Unver-
sehrtheit des Kindes, d.h. ohne physische oder psychologische Gewalt, auszuüben.22
Einige der Länder, die ein Gewaltverbot kennen, haben ausserdem eine eigene ge-
setzliche Grundlage für die flankierenden Informations-, Aufklärungs- und Beratungs-
massnahmen und -angebote geschaffen: Deutschland hat eine gesetzliche Grundlage
in § 16 des Sozialgesetzbuches vorgesehen,23 wonach Angebote zur Erziehungsför-
derung auch Wege aufzeigen, Konflikte in der Familie gewaltfrei zu lösen. Spanien hat
in seinem neuen Gesetz zum umfassenden Schutz von Kindern und Jugendlichen vor
Gewalt vom Juni 2021 der Prävention, Sensibilisierung und Früherkennung mehrere
15Siehe unter www.coe.int/fr/web/children/corporal-punishment#{%2212441097%22:[3]}.
16Was das Vereinigte Königreich betrifft, so ist die Körperstrafe in den Landesteilen Wales und Schottland ausdrücklich verboten, im Gegen-
satz zu England und Nordirland.
17Siehe EKKJ POSITIONSPAPIER 2019, S. 7 f. sowie die Auflistung der Staaten Europas unter Europe and Central Asia | Global Initiative to End
All Corporal Punishment of Children (endcorporalpunishment.org).
18Föräldrabalk 1949:381, 6 kap 1 § (Elterngesetz), basierend auf Prop. 1978/79:67 (Botschaft), beschlossen am 16. November 1978, in
Kraft getreten am 1. Januar 1979, geändert durch 1983:47.
19Schweden, Föräldrarbalken (1949:381) 6. Kapitel, §1: «Children are entitled to care, security and a good upbringing. Children shall be
treated with respect for their person and individuality and may not be subjected to corporal punishment or any other humiliating treat- ment». Österreich hat zusätzlich zu § 137 Abs. 2 ABGB («Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seeli- schen Leides sind unzulässig») im Jahr 2011 in Art. 5 Abs. 1 des Bundesverfassungsgesetzes über die Rechte der Kinder das folgende Gewaltverbot formuliert: «Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexueller Missbrauch und andere Misshandlungen sind verboten.» Liechtenstein, § 137 Abs. 2 ABGB: «Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig.» Dänemark, Art. 2 Abs. 2, 2. Satz des Danish Act on Parental Responsibility (2007): (inoffizielle englische Übersetzung) «Children have the right to care and security. Children must be treated with respect for their person and must not be exposed to corporal punishment or other humiliating treatment.».
20Deutschland, § 1631 Abs. 2 BGB: «Das Kind hat ein Recht auf Pflege und Erziehung unter Ausschluss von Gewalt, körperlichen Bestra-
fungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Massnahmen». Diese Neuregelung in der Fassung vom 4. Mai 2021 ist seit 1. Januar 2023 in Kraft (BGBl. I 2021 S. 882).
21Siehe Fussnoten 19 und 20.
22Frankreich, Art. 371-1 Code civil : « L'autorité parentale est un ensemble de droits et de devoirs ayant pour finalité l'intérêt de l'enfant. Elle
appartient aux parents jusqu'à la majorité ou l'émancipation de l'enfant pour le protéger dans sa sécurité, sa santé et sa moralité, pour assurer son éducation et permettre son développement, dans le respect dû à sa personne. L'autorité parentale s'exerce sans violences physiques ou psychologiques. […] ». Spanien, Art. 154 Còdigo civil: « Los hijos no emancipados están bajo la patria potestad de los pro- genitores. La patria potestad, como responsabilidad parental, se ejercerá siempre en interés de los hijos, de acuerdo con su personali- dad, y con respeto a sus derechos, su integridad física y mental. […] » (inoffizielle dt. Übersetzung: « […] Die elterliche Gewalt als elterli- che Verantwortung ist stets im Interesse der Kinder, entsprechend ihrer Persönlichkeit und unter Wahrung ihrer Rechte sowie ihrer körper- lichen und geistigen Unversehrtheit auszuüben»). Niederlande, Art. 1:247 of the Civil Code, (inoffizielle englische Übersetzung): « (1)
Parental authority includes the duty and the right of the parent to care for and raise his or her minor child. (2) Caring for and raising one’s child includes the care and the responsibility for the emotional and physical wellbeing of the child and for his or her safety as well as for the promotion of the development of his or her personality. In the care and upbringing of the child the parents will not use emotional or physical violence or any other humiliating treatment.».
23Achtes Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII), welches die Kinder- und Jugendhilfe (KJHG) zum Inhalt hat.