Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2023/59: Änderung des Landwirtschaftsgesetzes (Umsetzung Motion 19.3445 Fraktion BD «Angemessene Entschädigung von Ehegattinnen und Ehegatten und eingetragenen Partnerinnen und Partnern von Landwirtinnen und Landwirten im Scheidungsfall») · 21 Seiten

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1.2 Erkenntnisse zu Scheidungen und Frauen in der Landwirtschaft

1.2.1 Scheidungen in der Landwirtschaft

Eine Masterarbeit der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL)3 zeigte, dass die Anzahl Scheidungen seit Ende der 1960er Jahre stark gestiegen ist. Von dieser Entwicklung sind auch Ehepaare in der Landwirtschaft betroffen. Aufgrund der starken Verflechtung von Geschäftlichem und Privatem ist eine Scheidung in der Landwirtschaft wirtschaftlich und juristisch besonders komplex: Der Landwirtschaftsbetrieb bietet einer Familie Arbeit, Lebensgrundlage, Wohnen und Freizeit und ist damit das zentrale Element im Leben einer Bauernfamilie. Eine Scheidung hat deshalb weitreichende Konsequenzen für alle Beteiligten und für den Landwirtschaftsbetrieb.

Um eine ausführliche Datengrundlage über Scheidungen in der Schweizer Landwirtschaft zu erstellen, hat die HAFL im Rahmen der erwähnten Masterarbeit in den Jahren 2018/2019 eine Umfrage über Scheidungen in der Landwirtschaft durchgeführt. Es ging insbesondere darum zu analysieren, wie Scheidungsprozesse in der Landwirtschaft ablaufen, welche finanziellen, rechtlichen und betriebsbezogenen Entscheide gefällt werden, wo die grössten Diskussionspunkte im Scheidungsprozess liegen und wie Betroffene die finanzielle, betriebliche und soziale Situation nach der Scheidung beurteilen.

Die Resultate der Umfrage zeigen, dass die durchschnittliche Ehedauer in der Landwirtschaft mit 21 Jahren vergleichsweise hoch liegt gegenüber 15 Jahren bei der gesamten Bevölkerung. Bei der Eheschliessung waren sich in 65 Prozent der Fälle ein oder beide Ehegatten über die rechtlichen Konsequenzen des Güterstandes bewusst. Bei 35 Prozent der Befragten war dies nicht der Fall. Weiter wurde festgestellt, dass es in der Landwirtschaft mit 18 Prozent beinahe doppelt so häufig zu einem strittigen Scheidungsverfahren («Kampfscheidungen») kommt als bei der übrigen Bevölkerung (rund 10 %). Von den Personen, welche ohne strittiges Verfahren zu einer Einigung kamen, haben 72 Prozent bewusst auf eigene Ansprüche verzichtet, wobei die Frauen 3,3-mal häufiger darauf verzichteten als Männer. Der häufigste genannte Grund für den Verzicht war, dass das Weiterbestehen des Landwirtschaftsbetriebes nicht gefährdet werden solle. Als negativer Aspekt der Scheidung wurde unabhängig vom Geschlecht mit 43 Prozent am häufigsten der Verlust des Familienalltags genannt, gefolgt von der negativen Auswirkung auf die Kinder (40 %). Weiter konnte festgestellt werden, dass Frauen signifikant stärker mit dem Verlust des Umfeldes kämpfen als die Männer. Demgegenüber betrachten die Männer die höhere Arbeitsbelastung als negativen Aspekt der Scheidung signifikant stärker als

Frauen4.

1.2.2 Frauen in der Landwirtschaft

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) führt seit rund 20 Jahren ein Monitoring über die soziale Situation von Bauernfamilien durch. Ein zentrales Element dabei ist die Analyse der Situation und Rolle der Frauen in der Schweizer Landwirtschaft. Die Studie «Frauen in der Landwirtschaft 2022»5 untersuchte nach 2002 und 2012 die Situation und Rolle der Frauen in der Landwirtschaft zum dritten Mal.

Das Rollenbild und das Selbstverständnis der Frauen in der Landwirtschaft sind in Bewegung: Zwar sehen sich die Frauen gemäss der Umfrage nach wie vor am häufigsten in den Rollen als Hausfrau, Mutter und Bäuerin, was den traditionelle Rollenbildern entspricht. Gleichzeitig lösen Faktoren wie der zunehmende ausserbetriebliche Erwerb, die zunehmende Betriebsmechanisierung und bessere Ausbildungen der Frauen Veränderungen im Selbstverständnis und im Rollenbild aus. Auch der generelle gesellschaftliche Wandel hin zu mehr Gleichstellung sowie einfacher zugängliche Bildungs- und Informationsangebote begünstigen in den Augen der Frauen die Übernahme der Rolle als Betriebsleiterin. Hingegen sehen sie unter anderem insbesondere Schwangerschaft und Mutterschaft als wichtigen Hinderungsgrund.

3 Burren C. (2019), Getrennte Wege gehen – Ehescheidungen in der Landwirtschaft, Berner Fachhochschule HAFL, Zollikofen; Getrennte Wege gehen - Ehescheidungen in der Landwirtschaft (bfh.ch)

4 BLW, Bundesamt für Landwirtschaft (2019), Agrarbericht 2019 - Scheidung in der Landwirtschaft (Zusammenfassung der HAFL-Studie)

5 R. Moser und K. Saner (2022), Frauen in der Landwirtschaft, Bericht zur Studie 2022, AGRIDEA, 115