Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2019/52: Änderung der Verordnung vom 27. Juni 1995 über die Krankenversicherung (KVV; SR 832.102) und der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV; SR 832.112.31) · 22 Seiten

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Gemäss Monitoring Bericht «psychische Gesundheit in der Schweiz» (2016) des Obsan6 hat die Anzahl Patienten in ambulanten psychiatrischen Praxen von 2010 (347'000) bis 2015 (447'000) um 29% zugenommen (hauptsächlich in der Erwachsenenpsychiatrie). Bei den übrigen Ärzten betrug der Anstieg 19%. 2.7% der im 2015 erfolgten 16.5 Mio. ärztlichen Konsultationen wurden durch Psychiater und Psychiaterinnen durchgeführt. Im 2010 waren es 2.5%. Davon erfolgten 89.6% in der Erwachsenenpsychiatrie und 10.4% in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dieses Verhältnis ist seit 2010 konstant geblieben.

Bezüglich Inanspruchnahme von psychologischer Psychotherapie zeigte die Studie von Stettler et al. (2013), dass rund 260‘000 Patienten und Patientinnen im Jahr 2012 psychologisch-psychotherapeutischen Leistungen in Anspruch genommen wurden. Davon wurden 85‘000 im Bereich der delegierten Psychotherapie in einer Arztpraxis, 78‘000 im selbständigen Bereich, 57‘000 in einer ambulanten Institution und 39‘000 im stationären Bereich behandelt.

Gemäss Daten der schweizerischen Gesundheitsbefragung haben sich im Jahr 2012 5.4 % der Bevölkerung wegen psychischer Probleme behandeln lassen. Rund ein Drittel der Patienten und Patientinnen mit Depression nehmen eine Behandlung durch Fachärzte und Fachärztinnen Psychiatrie oder delegierte Psychotherapie bei Psychologen und Psychologinnen in Anspruch. Fast die Hälfte der Patienten und Patientinnen ist bei anderen Ärzten und Ärztinnen der Grundversorgung und anderen Leistungserbringenden in Behandlung. Die stationäre Behandlung erfolgt in psychiatrischen Kliniken, somatischen Spitälern sowie sozialmedizinischen Institutionen. Die ambulante Behandlung erfolgt durch hausärztliche, psychiatrische und psychotherapeutische Praxen sowie psychiatrische Ambulatorien, Tageskliniken und aufsuchende Dienste (u.a. Spitex).

Über-, Unter- und Fehlversorgung

Die Angaben in internationalen Studien bezüglich Behandlungslücke (Personen mit Behandlungsbedarf ohne zumindest minimal adäquate Behandlung) variieren zwischen rund 40 Prozent und 65 Prozent. Dabei gilt, dass je schwerer jemand beeinträchtigt ist, desto eher wird er/sie behandelt (Wang et al., 2011).

In der Literatur wird die Differenz zwischen Behandlungsbedarf und Behandlungsquote zurückgeführt auf das Zusammenspiel zwischen Angebotssituation (Dichte des Versorgungsangebots, Aufgabenteilung zwischen Berufsgruppen und Fachpersonen), Zugangshürden, die bewirken, dass vorhandene Angebote nicht in Anspruch genommen werden (sprachliche und kulturelle Hürden, hohe Kostenbeteiligung, schlechte Erreichbarkeit und Wartezeiten, fehlende Niederschwelligkeit) und Unterbeanspruchung durch Betroffene (soziokulturelle Faktoren, Stigmatisierung, fehlende Therapiemotivation). Zugangshürden und Unterbeanspruchung können sich dabei negativ auf den Krankheitsverlauf (gesundheitliche Verschlechterung, Chronifizierung) und die Behandlungsqualität (Klinikaustritt ohne geeignete Nachbehandlung, fehlende Kontinuität) einerseits sowie den Ressourceneinsatz im Versorgungssystem (vermeidbare Klinikaufenthalte, Beanspruchung allgemeiner Notfallstationen, Zusatzaufwand für Zuweisende) und die Behandlungsmotivation der Betroffenen andererseits auswirken.

Das Ausmass von Unter- und Fehlversorgung der psychiatrischen und psychologischen Versorgung in der Schweiz ist nicht zu beziffern, da einerseits eine ungenügende Datenlage zu Prävalenz, Behandlungsbedarf und Inanspruchnahme besteht und andererseits sich nicht alle Patienten mit psychischen Erkrankungen durch Psychiater und Psychologen behandeln lassen wollen. Die im Rahmen der BASS-Studie7 mittels repräsentativen Befragungen von Psychiater und Psychiaterinnen, Hausärzten und Hausärztinnen sowie Kinderärzten und Kinderärztinnen wie auch in zahlreichen Gruppen- und Einzelinterviews mit Betroffenen, Zuweisenden, Behandelnden und weiteren Experten und Expertinnen erhobenen qualitativen Informationen weisen auf die folgenden wesentliche Problemfelder bezüglich einer Unter- und Fehlversorgung hin:

 Kinder/Jugendliche: mangelnde Kapazitäten an geeigneten Institutionen und Fachärzten sowie

6 https://www.obsan.admin.ch/de/publikationen/psychische-gesundheit-der-schweiz-2

7 Stocker, D., Stettler, P., Jäggi, J., Bischof, S., Guggenbühl, T., Abrassart, A, Rüesch, P., & Künzi, K. (2016). Versorgungssituation psychisch erkrankter Personen in der Schweiz.