Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2006/39: Ratifikation der UNESCO-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes · 24 Seiten

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Ratifikation der UNESCO-Konvention 2003: Erläuternder Bericht

1.1.3 UNESCO-Programme zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes

Im Laufe der 1990er Jahre förderte die UNESCO Projekte zur Bewahrung und Verbreitung traditioneller Musik und gefährdeter Sprachen. Mit den beiden Programmen „Trésors humains vivants“ und „Proclamation des chefs-d’oeuvre du patrimoine oral et immatériel de l’humanité“ sammelte die UNESCO dann wichtige Erfahrungen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes und im Hinblick auf die Schaffung eines neuen Rechtsinstruments.

Trésors humains vivants

Mit dem 1993 von der UNESCO eingeführten Programm „Trésors humains vivants“ sollte die mündliche und imitationsbasierte Tradierung von Wissen und Fertigkeiten mit historisch und künstlerisch herausragendem Wert in den Bereichen Musik, Tanz, Theater, Spiele und Rituale gefördert werden. Dazu diente das Lehrlingswesen im Handwerksbereich als Vorbild. Meister, welche über ein aussergewöhnliches Wissen und spezielle Fertigkeiten für ihre Gesellschaft oder soziale Gruppe verfügen, erhalten die Prestige-Auszeichnung „Trésors humains vivants“ und staatliche Unterstützung. Die UNESCO-Mitgliedstaaten wurden dazu eingeladen, in ihrem Land Träger des Kulturerbes mit herausragenden Fertigkeiten in ihrer Wissensvermittlung zu fördern und das Interesse für die Tradition bei jüngeren Generationen anzuregen. 1996 publizierte die UNESCO die ersten Richtlinien zur Umsetzung. In einigen Ländern wurde das Förderungsmodell auf nationaler Ebene bereits eingeführt (Japan, Korea, Taiwan/China, Philippinen, Thailand, Rumänien, Frankreich, Tschechien).7

„Trésors humains vivants“ stellt die Träger des immateriellen Kulturerbes ins Zentrum und trägt insofern der häufig mündlichen Vermittlung des immateriellen Kulturerbes Rechnung. Diese Fokussierung auf Einzelpersonen hat jedoch auch kritische Anmerkungen hervorgerufen. Es wurde darauf hingewiesen, dass immaterielles Kulturerbe nicht von Einzelpersonen, sondern von ganzen Gesellschaften oder sozialen Gruppen getragen werde. Der Ansatz der „Trésors humains vivants“ ist in die Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes nur insofern eingeflossen, als „Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Individuen“ (Art. 2 Abs. 1) Träger und Vermittler des immateriellen Kulturerbes sein können und Begünstigte von Förderungsmassnahmen werden können.

Proclamation des chefs-d’oeuvre du patrimoine oral et immatériel de l’humanité

Das 1997 geschaffene Programm „Proclamation des chefs-d’oeuvre du patrimoine oral et immatériel de l’humanité” sollte durch die Ernennung herausragender Beispiele des immateriellen Kulturerbes das Bewusstsein um den Wert dieses Erbes fördern, die UNESCO Mitgliedstaaten zu Massnahmen anregen und schliesslich die Erfahrungen im Bereich der Bewahrung des immateriellen Kulturerbes auf nationaler Ebene erweitern.8

Von 150 Kandidaturen, die zunächst von Spezialisten aus Nichtregierungsorganisationen evaluiert wurden, hat eine internationale Jury in drei Runden (2001, 2003, 2005) neunzig ausgewählt

7 In Frankreich hat das Kulturministerium 1994 den „Conseil des metiers d’art“ und den Titel „Maître d’art“ ins Leben gerufen. Mit diesem Titel werden Personen anerkannt, die aussergewöhnliche Fertigkeiten und Erfahrungen im Bereich des traditionellen Handwerks (im Bereich Mode, Musikinstrumentenbau, Möbelbau etc.) sowie Fähigkeiten zu Weitergabe ihres Fachwissens besitzen (vgl. www.culture.gouv.fr/culture/metiersdart). Für die Ausbildung eines Lehrlings erhält ein Meister eine dreijährige finanzielle Unterstützung. Ferner wird die Arbeit eines „Maître d’art“ durch Publikationen gefördert.

8 Masterpieces of the Oral and Intangible Heritage of Humanity: Proclamations 2001, 2003 and 2005, Paris: UNESCO 2006.