Erläuternder Bericht
Vernehmlassung 2006/38: Ratifikation der UNESCO-Konvention über die kulturelle Vielfalt · 26 Seiten
Fedlex · Erläuternder Bericht · Seite 5Fedlex · Erläuternder Bericht
Ratifikation der UNESCO-Konvention 2005: Erläuternder Bericht
1 Grundzüge des Vertrags
1.1 Ausgangslage
1.1.1 Bedeutung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen
Der Begriff der „kulturellen Vielfalt“ bezieht sich auf die Vielfalt der menschlichen Ausdrucks- und Schaffensformen. Mit dem Schutz und der Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen soll jeder Kultur die Möglichkeit gegeben werden, ihre eigenen Werke zu schaffen und zu verbreiten sowie Zugang zu möglichst vielen Werken anderer Kulturen zu erhalten. In diesem Sinn besteht ein wesentlicher Aspekt der Konvention in der Förderung eines intensiven und ausgewogenen Austauschs kultureller und audiovisueller Güter und Dienstleistungen und in der Sicherstellung des Medienpluralismus.
Die UNESCO betont, dass die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen die Grundlage des kulturellen Erbes der Menschheit bildet: „Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist die kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.“2
Kreativität schöpft aus den Wurzeln kultureller Tradition und entwickelt sich im Kontakt mit anderen Kulturen. Aus diesem Grunde muss das Erbe kultureller Ausdrucksformen, die sich in einem ständigen Kreislauf von Wiedergeburt und gegenseitiger Befruchtung entfalten, in all seinen Formen erhalten, gefördert und als Zeugnis menschlicher Erfahrung und menschlichen Strebens an künftige Generationen weitergegeben werden, um die Kreativität in ihrer gesamten Vielfalt zu fördern.3
Zur Förderung des künstlerischen Schaffens ist es daher notwendig, die Verbreitung von Ideen und Werken zu unterstützen und kulturpolitische Voraussetzungen zu schaffen, um allen Kulturen die Möglichkeiten zu geben, ihre Werke auf lokaler, regionaler und globaler Ebene zu produzieren und zu verbreiten. Denn die Identifikation mit der eigenen Kultur trägt wesentlich zur Bildung der eigenen Identität bei.
1.1.2 Bedrohung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen
Der Ausbau und die Liberalisierung der internationalen Handelsbeziehungen schaffen zusammen mit dem Aufkommen innovativer Technologien neue Möglichkeiten für den Austausch und für die Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturgemeinschaften. Die Öffnung der Märkte bietet neue Absatzmöglichkeiten für die Kunstschaffenden, erlaubt die Senkung der Produktionskosten und eine weitere Verbreitung von kulturellen und audiovisuellen Dienstleistungen. Allerdings können diese neuen Möglichkeiten, welche Triebfedern für Innovation und Wohlstand darstellen, gegenwärtig noch nicht von allen Kulturgemeinschaften gleichermassen genutzt werden. Der rein wirtschaftliche Rahmen genügt nicht, um den angestrebten Austausch zu erreichen.
Tatsächlich ist auf internationaler Ebene ein Ungleichgewicht im Austausch von kulturellen Gütern und Dienstleistungen zu beobachten. Dieses Ungleichgewicht äussert sich in einer immer
2 Allgemeine Erklärung der UNESCO 2001, Art. 1. Die Parallele zwischen biologischer und kultureller Vielfalt wurde zum ersten Mal 1992 in dem Bericht Notre diversité créatrice der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ der Vereinten Nationen und der UNESCO (Paris 1995, S. 206 ff.) gezogen. Dieser Bericht war wegweisend für die Entwicklung des Konzepts der „kulturellen Vielfalt“ als Quelle des Fortschritts und der Kreativität.
3 Vgl. Allgemeine Erklärung der UNESCO zur kulturellen Vielfalt, Art. 7.