Erläuternder Bericht
Vernehmlassung 2014/122: Direkter Gegenentwurf zur Volksinitiative «Für Ernährungssicherheit» · 25 Seiten
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3.2 Aktuelle Situation
Internationale Dimension
Gemäss dem aktuellsten Bericht über Ernährungsunsicherheit der FAO17 gibt es derzeit weltweit gut 800 Millionen Menschen, die chronisch unterernährt sind, d.h. ihren Bedarf an Nahrungsenergie nicht in ausreichendem Mass decken können. Die Zahl unterernährter Menschen ist in den letzten 20 Jahren um rund 200 Millionen gesunken. Heute ist die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf grundsätzlich ausreichend, um alle Menschen auf dem Planeten zu versorgen. Dass trotzdem so viele Menschen an Unterernährung leiden, ist primär auf die ungleiche Verteilung und den mangelnden Zugang zu Nahrungsmitteln zurückzuführen. Mangelnder Zugang zu Nahrungsmitteln wiederum ist meist ökonomisch bedingt, d.h. die Menschen können sich eine ausreichende Versorgung aufgrund ihrer mangelnden Kaufkraft nicht leisten. Davon betroffen sind die ärmeren Bevölkerungsschichten in den urbanen Zentren aber auch die noch vorwiegend in Subsistenzwirtschaft lebende ländliche Bevölkerung.
Nationale Dimension
Die Ernährungssicherheit in der Schweiz ist derzeit gegeben: Lebensmittel stehen ständig in ausreichender Menge zur Verfügung, die Lebensmittelsicherheit ist auf einem sehr hohen Niveau und die Konsumentinnen und Konsumenten verfügen über genügend Kaufkraft, um die Lebensmittel auch effektiv zu kaufen. Ausdruck davon ist, dass die Schweizer Haushalte im Durchschnitt lediglich 9 Prozent des verfügbaren Einkommens für Lebensmittel einsetzen18. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der produzierten Lebensmittel als Abfall anfallen (Food Waste), rund die Hälfte davon bei den Konsumenten19. Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind übergewichtig. Dieser Anteil hat in den letzten 20 Jahren um einen Drittel zugenommen, was primär auf eine zu hohe Energieaufnahme beim Lebensmittelkonsum, also Überernährung, und Bewegungsmangel zurückzuführen ist.
In Bezug auf die Verfügbarkeit ist festzuhalten, dass die Schweiz ein Nettoimporteur von Lebensmitteln ist. In den letzten hundert Jahren schwankte der Anteil der im Inland produzierten Lebensmittelkalorien am Gesamtverbrauch zwischen 50 und 70 Prozent20. Derzeit liegt der Bruttoselbstversorgungsgrad bei rund 60 Prozent. Die Produktion von Lebensmitteln im Inland bildet damit den Hauptpfeiler der inländischen Versorgung. Daneben bilden die Importe den zweiten Pfeiler zur Sicherstellung einer ausreichenden und ausgewogenen Versorgung der Bevölkerung. Die Tatsache, dass die Schweiz rund 40 Prozent der Lebensmittel importiert, ist nicht darauf zurückzuführen, dass die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz ausgesprochen extensiv wäre. Aufgrund der guten Produktionsbedingungen in der Schweiz (hochwertige Böden, ausreichend Niederschläge, Verfügbarkeit von Produktionsmitteln) ist das Ertragsniveau der Schweiz im internationalen Vergleich sogar relativ hoch. Hauptgrund für den hohen Importbedarf ist die hohe Bevölkerungsdichte, d.h. die im Vergleich mit der Bevölkerungszahl geringe Verfügbarkeit von landwirtschaftlich nutzbarer Fläche. Die ackerfähige Fläche beträgt in der Schweiz lediglich 500 Quadratmeter pro Einwohnerin und Einwohner. Das ist nur
17 FAO (2014): The State of Food Insecurity in the World 2014
18 Bundesamt für Statistik (2014): Haushaltsbudgeterhebung 2012
19 Bundesamt für Landwirtschaft (2012): Agrarbericht 2012, S. 90–91
20 vgl. Stellungnahme des Bundesrats zur Motion Schibli 06.3880