Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2021/67: Änderung der Liquiditätsverordnung (Besondere Bestimmungen für systemrelevante Banken – «Too-big-to-fail») · 29 Seiten

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Änderung der Liquiditätsverordnung (Besondere Bestimmungen für systemrelevante Banken – «Too-big-to-fail»)

2.1.2 Erweiterter Zeithorizont des Stressszenarios

Den neuen Schweizer TBTF-Liquiditätsanforderungen liegt ein Szenario zugrunde, welches die Bank in die Abwicklungsphase führt. Dabei gelten in den ersten 30 Kalendertagen die Abflussraten gemäss der LCR unverändert. Für eine Abwicklung einer SIB ist jedoch ein 30- Tage-Zeitraum zu kurz. Erfahrungsgemäss kommt nämlich eine Bank nicht innerhalb eines Tages in eine Abwicklung und nach deren Auslösung braucht es Zeit, um wieder in einen «business as usual»-Modus zurückzukehren. Um diesen Ablauf zu erfassen, wird ein Zeithorizont von insgesamt 90 Tagen (inkl. der erwähnten LCR-Periode von 30 Kalendertagen) betrachtet.

Die LCR mit dem Zeithorizont von 30 Kalendertagen führt in der Praxis der Banken dazu, dass diese die Fristigkeiten knapp über die 30 Kalendertage hinaus verlängern mit dem Ziel, in der LCR die Abflüsse zu verringern ("Klippenrisiko"). Durch die Erweiterung des Zeithorizonts des Stressszenarios auf 90 Tage werden damit künftig auch solche Positionen erfasst. Das von der LCR nicht abgedeckte Risiko wird in anderen Jurisdiktionen genau gleich mittels einer Erweiterung des Zeithorizonts des Stressszenarios adressiert.

Im UK gibt es verschiedene sog. Pillar-II-Zuschläge für Risiken, die durch die LCR nicht abgedeckt sind. In diesem Rahmen betrachtet die Prudential Regulation Authority (PRA) ebenfalls ein 90-Tage-Stressszenario.12 In den USA verlangen die Vorgaben für den US Titel I Resolution Plan im Liquiditätsbereich u.a., dass der Liquiditätsbedarf aller operativen Einheiten über eine Abwicklungsperiode von mindestens 60 Tagen nach Eintritt des Konkurses oder behördlicher Abwicklungsmassnahmen modelliert und ein entsprechender Liquiditätspuffer gehalten wird.13 In der EU geht das von der EZB verwendete Stressszenario bezüglich des erweiterten Zeithorizonts noch weiter und sieht sogar einen Horizont von 180 Tagen vor.14

2.1.3 Parameter

Die Strenge der Anforderungen ergibt sich einerseits aus der Länge des Zeithorizonts des Stressszenarios, andererseits aus den unterstellten Zu- und Abflussraten. Für die vorliegende Revisionsvorlage lässt sich dies am Beispiel von nicht stabilen Privatkundeneinlagen wie folgt darstellen: In den ersten 30 Kalendertagen – wie von der LCR unterstellt – werden 10% der Einlagen von den Kunden der Bank abgezogen. Für die nachfolgenden 60 Tage wird ein Abfluss von 7% auf das Ausgangsvolumen unterstellt. Kumuliert über 90 Tage fliessen damit 17% der Einlagen ab. Gemäss Szenario werden somit umgekehrt betrachtet insgesamt 83% der Kundeneinlagen nicht abgezogen und verbleiben bei der Bank. In einem internationalen Szenario-Vergleich erscheinen die angenommenen Abflussannahmen vergleichbar. Und vor dem Hintergrund jüngerer Krisenerfahrungen im Ausland sind die Abflussannahmen durchaus realistisch.15,16

12 Prudential Regulation Authority (2019), Pillar 2 liquidity, Statement of Policy, Juni, Seite 4 ff.; abrufbar unter: https://www.bankofengland.co.uk/-/media/boe/files/prudential-regulation/statement-of-policy/2019/pillar-2- liquidity-sop-update-june-2019.pdf?la=en&hash=78618B0A466B17BCF86952AAD06AC14AEE3E4FDE.

13 Der Resolution Liquidity Execution Need (RLEN) umfasst die Minimum Operating Liquidity und den Peak Funding Need (PFN). RLEN muss für jeden Tag der Abwicklungsperiode täglich neu berechnet werden. Sobald RLEN durch die vorhandenen Liquiditätsressourcen nicht mehr gedeckt ist, muss das Management auf Holdingstufe die notwendigen Massnahmen treffen. Entsprechend enthält RLEN auch noch einen Management-Puffer. Die US Intermediate Holding Companies (IHCs) von UBS und Credit Suisse unterliegen in ihrer US Abwicklungsplanung ebenfalls der Pflicht zur Berechnung von RLEN (vgl. https://www.federalreserve.gov/newsevents/pressreleases/files/bcreg20201209a2.pdf).

14 European Central Bank (2019), ECB Sensitivity analysis of Liquidity Risk – Stress Test 2019, Methodological note, Februar; abrufbar unter: https://www.bankingsupervision.europa.eu/ecb/pub/pdf/ssm.ECB_sensitivity_analysis_of_liquidity_riskstress_test_2019-methodological_note_20190206~6771e88926.en.pdf.

15 Im Fall des spanischen Banco Popular, für welchen das europäische Resolution-Rahmenwerk erstmals zur Anwendung kam, betrugen die Depositen-Abflüsse ca. 20% in wenigen Wochen (vgl. https://www.reuters.com/article/us-popular-m-a-deposits-idUSKBN18Y1EU).