Erläuternder Bericht
Vernehmlassung 2020/48: Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Besitzesschutz bei verbotener Eigenmacht an Grundstücken) · 37 Seiten
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Abstützung auf Artikel 926 Absatz 2 ZGB ausscheidet, wird er beziehungsweise sie sich unter Umständen aber noch auf Artikel 52 Absatz 3 OR berufen können.19
Die Selbsthilfe nach Artikel 926 ZGB bleibt gemäss jüngerer Lehre und der bundesgerichtlichen Rechtsprechung aber nur solange zulässig, als amtliche Hilfe – ex ante betrachtet – nicht rechtzeitig verfügbar ist.20 Da Hausbesetzungen eine gewichtige Beeinträchtigung des Besitzes darstellen und auch die öffentliche Ordnung stören können, besteht grundsätzlich ein Interventionsanspruch gegenüber der Polizei. Dieser Anspruch ist aber nicht absolut und unbedingt. Zum Eingriff verpflichtet ist die Polizei nur gestützt auf (1) den allgemeinen Polizeiauftrag oder nach Massgabe des kantonalen Rechts sowie bundesrechtlicher Grundsätze21 (2) für Hausbesetzungen, von denen sie Kenntnis hat und gegen die (3) in Abwägung der gegebenen Interessen (4) verhältnismässige polizeiliche, nicht aber (5) rechtzeitig zivilgerichtliche oder andere staatliche Massnahmen faktisch möglich sind, zu intervenieren.22
1.2.4 Zivilrechtlicher Besitzesschutz23
Die Besitzesschutzklagen gemäss Artikel 927 f. ZGB in Verbindung mit Artikel 937 Absatz 2 ZGB bilden nebst dem faktischen Besitzesschutz einen weiteren Aspekt des possessorischen Besitzesschutzes24. Diese Klagen sind heute vornehmlich für die nicht im Grundbuch eingetragenen, aber persönlich am Grundstück berechtigten Personen für den Schutz ihres Grundstückbesitzes bedeutsam (insb. für Mieterinnen und Mieter).25
Die Klage aus Besitzesentziehung gemäss Artikel 927 ZGB ist auf die Wiedereinräumung des ursprünglichen Besitzes gerichtet und ist gegen diejenige Person zu erheben, welche die Sachherrschaft der Besitzerin oder dem Besitzer mit verbotener Eigenmacht, das heisst unrechtmässig, entzogen hat. Dies setzt voraus, dass die ursprüngliche Besitzerin oder der ursprüngliche Besitzer in keiner Weise mehr Sachherrschaft hat, wobei bereits eine teilweise Entziehung des Grundstücks genügt. Im Gegensatz zur Selbsthilfe gemäss Artikel 926 Absatz 2 ZGB muss die Sache
19 Stark/Lindemann (Fn. 15), Vorbem. zu Art. 926-929 ZGB N 101, Art. 926 ZGB N 8 ff., 17; Egger Rochat (Fn. 6), Rz. 245.
20 BGer Urteil 4P.148/2001 vom 25. Oktober 2001 E. 3b; BGE 128 IV 250 E. 3.2 S. 253 f.; Ernst (Fn. 15), Art. 926 ZGB N 7; Stark/Lindemann (Fn. 15), Art. 926 ZGB N 17, 23.
21 Zünd Andreas/Errass Christoph, Privatisierung von Polizeiaufgaben, Sicherheit & Recht 3/2012 S. 162 ff., 166 ff.; BGE 117 Ia 202 E. 5 S. 215 f.; Biaggini (Fn. 9), Art. 43 BV N 3, Art. 57 BV N 5.
22 Mabillard (Fn. 3), BT, I. C.6d); Tschannen Pierre/Zimmerli Ulrich/Müller Markus, Allgemeines Verwaltungsrecht, Bern 2014, S. 509 ff., 514 f.; Urteil des Bundesgerichts vom 23. Oktober 1980 E. 6c, in: SJ 1981, S. 114 ff., 121; BGer Urteil 1P.624/1989 vom 8. Mai 1991 E. 3b, in: SJ 1991, S. 602 ff, 605 (deutsche Übersetzung in: ZBl 1991, S. 552 ff., 555); BGer Urteil 1P.465/1991 und 1P.183/1992 vom 11. Februar 1993 E. 2, in: ZBl 1993, S. 378 ff.; BGE 119 Ia 28 E. 2 S. 30 f.; BGer Urteil 1P.109/2006 vom 22. Juni 2006 E. 4.1.
23 Vgl. zum Ganzen und weiterführend Mabillard (Fn. 3), BT, I. D.
24 Zum Unterschied zwischen dem possessorischen und petitorischen Besitzesschutz vgl. Ziff. 1.2.5.
25 Stark/Lindemann (Fn. 15), Vorbem. zu Art. 926-929 ZGB N 103; Ernst (Fn. 15), Vorbem. Art. 926-929 ZGB N 35; DOMEJ (Fn. 15), Art. 926 ZGB N 1.