Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2020/48: Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Besitzesschutz bei verbotener Eigenmacht an Grundstücken) · 37 Seiten

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nen können auch den Schutz der Privatsphäre gemäss Artikel 13 BV beziehungsweise Artikel 8 EMRK10 anrufen, sofern ihr Privat- und Familienleben durch die Hausbesetzung tangiert wird, wobei umstritten ist, inwiefern sich auch die Hausbesetzerinnen und Hausbesetzer auf letztgenannte Grundrechte berufen können.11 In der gerichtlich geführten Diskussion nimmt sodann insbesondere auch die Frage, inwiefern die Polizei aufgrund einer grundrechtlich begründeten Schutzpflicht angehalten werden kann, die privaten Interessen der Beteiligten zu schützen, einen breiten Raum ein.12

Die Grundrechte sind durch die Behörden primär bei der Gesetzgebung und Rechtsanwendung zu berücksichtigen. Sie vermitteln, wo dies nicht zur Verwirklichung der Grundrechte zwischen Privaten führt, nur subsidiär staatliche Schutzpflichten beziehungsweise individualrechtliche Schutzansprüche. Ein individueller Schutzanspruch der Privaten gegenüber den Behörden gilt zudem nicht absolut. Eine Verletzung der staatlichen Schutzpflicht ist nur unter der Voraussetzung (1) einer ernsthaften Grundrechtsgefährdung, (2) der Disponibilität geeigneter Schutzmassnahmen, (3) der Abwägung der Interessen der betroffenen Privaten und der Öffentlichkeit sowie (4) der Verhältnismässigkeit anzunehmen. Letztere Voraussetzung bedingt, dass zuvor zumindest in guten Treuen versucht wurde, die Besitzesschutzrechte zunächst auf dem Zivilweg zu verwirklichen.13

1.2.3 Faktischer Besitzesschutz14

Die von einer Hausbesetzung Betroffenen können mittels Selbsthilfe Angriffe auf ihren Besitz abwehren (Art. 926 Abs. 1 ZGB) oder sich des verlorenen Besitzes wieder bemächtigen (Art. 926 Abs. 2 ZGB). Dem so gewährten faktischen Besitzesschutz kommt eine Friedensfunktion zu, die den Schutz vor Eigenmacht anderer ergänzt, dabei aber nicht nur private Interessen beispielsweise der Hauseigentümerin oder des Hauseigentümers, sondern auch öffentliche Interessen der Allgemeinheit

8 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV); SR 101.

9 BGer Urteil 1C_160/2011 vom 8. November 2011 E. 3.1; Biaggini Giovanni, OFK - Orell Füssli Kommentar, BV Kommentar, Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Zürich 2017, Art. 26 BV N 12.

10 Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK), SR 0.101.

11 Martenet Vincent, La responsabilité de l’Etat en matière immobilière, La garantie de la propriété à l’aube du XXIe siècle, Expropriation, responsabilité de l’Etat, gestion des grands projets et protection du patrimoine, Zurich/Genève 2009, S. 74 ff.; Breitenmoser Stephan/Schweizer Rainer J., St. Galler-Kommentar, Die Schweizerische Bundesverfassung, Zürich 2014, Art. 13 N 59.

12 Zum Beispiel BGE 119 Ia 28; BGer Urteil 1C_121/2012 vom 12. Juli 2012; BGer Urteil 1C_453/2008 vom 12. Februar 2009; BGer Urteil 1P.109/2006 vom 22. Juni 2006; BGer Urteil 1P.723/2005 vom 16. November 2005; BGer Urteil 1P.175/2002 vom 10. Mai 2005.

13 Biaggini (Fn. 9), OFK-Art. 26 BV N 6; Pulver Bernhard, Die Verbindlichkeit staatlicher Schutzpflichten – am Beispiel des Arbeitsrechts, AJP 2005, S. 413 ff.; Egli Patricia, Drittwirkung von Grundrechten, Zürich 2001, S. 32, 283 ff.; Martenet (Fn. 11), S. 71 ff.; Lienhard Andreas, Innere Sicherheit und Grundrechte, recht 2002, S. 125 ff., 127 ff.; BGer Urteil 1P.109/2006 vom 22. Juni 2006 E. 4.1.

14 Vgl. zum Ganzen und weiterführend Mabillard (Fn. 3), BT, I.C.