Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2025/20: Genehmigung der Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation Nr. 190 über die Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt und Nr. 191 zur Änderung von Normen infolge der Anerkennung eines sicheren und gesunden Arbeitsumfelds als grundlegendes Prinzip · 32 Seiten

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Organe eine Aktivität zur Eingliederung in das nationale Recht unternommen werden muss»47.

Wie wir festgestellt haben, ist somit zwischen zwei verschiedenen Arten von Normen zu unterscheiden48:

- solche, die darauf ausgerichtet sind, den Staaten konkrete Verpflichtungen gegenüber den Rechtsunterworfenen aufzuerlegen und die grundsätzlich an die rechtsanwendenden Behörden, die Verwaltung und die Gerichte gerichtet sind («direkt anwendbare» oder «self-executing»-Normen);

- solche, die lediglich einen programmatischen Charakter haben und die an die politischen Gremien der Vertragsstaaten, insbesondere an die Legislative, gerichtet sind («nicht direkt» oder «indirekt anwendbare» bzw. «non self- executing»-Normen).

Der Unterschied zwischen einer direkt anwendbaren und einer nicht direkt anwendbaren Norm hängt also vom Inhalt der betreffenden Norm ab und von der Art und Weise, wie sie formuliert ist oder interpretiert wird. Ein einzelnes Abkommen kann sowohl direkt anwendbare Normen als auch Bestimmungen programmatischer Art enthalten49. Es obliegt grundsätzlich den schweizerischen Vollzugsbehörden (Verwaltungen oder Gerichte) zu beurteilen, ob eine völkerrechtliche Norm einen direkt oder indirekt anwendbaren Charakter aufweist50. Dies muss bei allen völkerrechtlichen Normen für jeden Artikel, jede Ziffer oder gar jeden Absatz einzeln erfolgen51.

Es besteht eine umfangreiche bundesgerichtliche Rechtsprechung über die Frage der direkten oder nicht direkten Anwendbarkeit in der schweizerischen Rechtsordnung von Normen in völkerrechtlichen Abkommen, die von der Schweiz ratifiziert wurden52.

Sobald eine Vertragsbestimmung von einem Privaten direkt vor einer Verwaltungsbehörde oder vor einem innerstaatlichen Gericht geltend gemacht werden und von diesen unmittelbar als Hauptteil des gerichtlichen Syllogismus angewandt werden kann, dann ist diese Bestimmung als «direkt anwendbar» zu betrachten53. Der Bundesrat fasst dies folgendermassen zusammen: «Damit Private aus völkerrechtlichen Bestimmungen Rechte ableiten können, müssen diese nach übereinstimmender Auffassung von Bundesgericht

47 BG 4C.422/2004, E. 3.1.2, nicht publizierte Erwägung des BGE 132 III 122. Französischer Originaltext: «Le problème de l'applicabilité directe d’une norme conventionnelle internationale, qui concerne le contenu de l'accord, apparaît lors de l’interprétation et de l’application de ce dernier in concreto. Il convient de se demander si l’accord ou certaines de ses dispositions sont directement applicables par les opérateurs juridiques internes, à telle enseigne que quiconque y a intérêt peut les invoquer à l’intérieur d’un Etat contractant ou bien si une activité d’intégration dans le droit interne doit être déployée de la part des organes nationaux».

48 Bundesrat, Bericht vom 5. März 2010 (Fn. 10), Kap. 5.3.

49 Ulrich Häfelin, Walter Haller, Helen Keller und Daniela Thurnherr, Schweizerisches Bundesstaatsrecht, Zürich/Basel/Genf 2020, N 1894; Christine Kaufmann und Christoph Good (Fn. 37), S. 649; Giorgio Malinverni, Michel Hottelier, Maya Hertig Randall und Alexandre Flückiger (Fn. 9), N 1385.

50 Pascal Mahon (Fn. 15), N 238.

51 Centre international de formation de l’OIT, sous la direction de Xavier Beaudonnet (Fn. 12), S. 22; Jean-Philippe Dunand und Aurélien Witzig (Fn. 16), S. 155 f; Rémy Wyler, Boris Heinzer und Aurélien Witzig, Droit du travail, Bern 2024, S. 11.

52 Vgl. insbesondere BGE 98 Ib 385, E. 2a; BGE 111 V 201, E. 2b; 112 Ib 183, E. 2a; BGE 119 V 171, E. 4b; BGE 124 III 90, E. 3a; BGE 133 I 286, E. 3.2; BGE 136 I 297, E. 8.1; BGE 140 II 185, E. 4.2; BGE 142 II 161, E. 4.5.1; BGE

145 I 308, E. 3.4.1.

53 Giorgio Malinverni, Michel Hottelier, Maya Hertig Randall und Alexandre Flückiger (Fn. 9), N 1383.