Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2025/20: Genehmigung der Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation Nr. 190 über die Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt und Nr. 191 zur Änderung von Normen infolge der Anerkennung eines sicheren und gesunden Arbeitsumfelds als grundlegendes Prinzip · 32 Seiten

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Die verantwortlichen des Internationalen Ausbildungszentrums der ILO haben zudem vorgeschlagen, die in den ILO-Übereinkommen enthaltenen Normen nach der Art der dadurch den Staaten auferlegten Verpflichtungen, deren Grad der Präzisierung und deren vorhandene oder nicht vorhandene Fähigkeit, subjektive Rechte zu schaffen, deren Umsetzung von den Unterstellten unmittelbar vor den Gerichten eingefordert werden kann, zu gliedern23.

So findet man beispielsweise in den ILO-Übereinkommen Normen, die subjektive Rechte mit eindeutig bestimmtem Inhalt bedingungslos anerkennen. Solche Bestimmungen sind grundsätzlich direkt anwendbar24. Dabei kann es sich um Bestimmungen handeln, die eine Freiheit oder eine Befugnis gewähren25, bestimmte Vorteile anerkennen26 oder strikte Verbote zum Vorteil der Rechtssubjekte erlassen27. Dies ist etwa der Fall bei Normen bezüglich eines Mindestalters zur Zulassung zur Arbeit, der Gewährung eines Mutterschaftsurlaubs von 12 Wochen, dem Verbot von Zwangsarbeit oder der Verpflichtung zur Einhaltung der Versammlungsfreiheit28.

In den ILO-Übereinkommen sind auch Bestimmungen mit programmatischem Charakter zu finden, wodurch sich ein Staat zur Umsetzung einer allgemeinen Politik verpflichtet29. Dies ist etwa bei Art. 2 des Übereinkommens Nr. 111 über die Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf (1958) der Fall: «Jedes Mitglied, für das dieses Übereinkommen in Kraft ist, verpflichtet sich, eine innerstaatliche Politik festzulegen und zu verfolgen, die darauf abzielt, mit Methoden, die den innerstaatlichen Verhältnissen und Gepflogenheiten angepasst sind, die Gleichheit der Gelegenheiten und der Behandlung in Bezug auf Beschäftigung und Beruf zu fördern, um jegliche Diskriminierung auf diesem Gebiet auszuschalten». Dies gilt für die Mehrheit der in den ILO-Übereinkommen enthaltenen Bestimmungen. Wie das Internationale Arbeitsamt (IAA) erklärt, stellen «die internationalen Arbeitsnormen zu allererst Werkzeuge für die Regierungen dar, um in Absprache mit den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern eine Arbeitsgesetzgebung und eine Sozialpolitik zu erarbeiten und umzusetzen, die im Einklang mit den auf internationaler Ebene beschlossenen Normen steht»30.

Gemäss der ILO-Verfassung müssen die Mitgliedstaaten «die erforderlichen Massnahmen zur Durchführung der Bestimmungen» des ratifizierten Übereinkommens treffen (Art. 19 Abs. 5 Bst. d). Es wird anerkannt, dass die in den ILO-Übereinkommen enthaltenen Normen kein festgelegtes System oder Einheitslösungen verlangen. Sie sind eher darauf ausgelegt, die Einhaltung der Grundrechte der Arbeitnehmenden mit den

23 Centre international de formation de l’OIT, sous la direction de Xavier Beaudonnet (Fn. 12), S. 56 ff.

24 Centre international de formation de l’OIT, sous la direction de Xavier Beaudonnet (Fn. 12), S. 57 f.

25 Z.B. Art. 2 des Übereinkommens Nr. 87 über die Vereinigungsfreiheit und den Schutz des Vereinigungsrechtes (1948).

26 Z.B. Art. 4, Abs. 1 des Übereinkommens Nr. 183 über den Mutterschutz (2000).

27 Z.B. Art. 4 des Übereinkommens Nr. 87 über die Vereinigungsfreiheit und den Schutz des Vereinigungsrechtes (1948).

28 Nicolas Valticos (Fn. 16), N 286.

29 Ibidem, S. 59.

30 Bureau International du Travail, Les règles du jeu – Une introduction à l’action normative de l’organisation internationale du Travail, Genf 2019, S. 25. Französischer Originaltext: «les normes internationales du travail sont avant tout des outils pour les gouvernements qui, en consultation avec les employeurs et les travailleurs, cherchent à élaborer et à faire appliquer une législation du travail et une politique sociale dans le respect de normes convenues à l’échelle internationale».