Erläuternder Bericht

Vernehmlassung 2025/20: Genehmigung der Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation Nr. 190 über die Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt und Nr. 191 zur Änderung von Normen infolge der Anerkennung eines sicheren und gesunden Arbeitsumfelds als grundlegendes Prinzip · 32 Seiten

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Menschenrechtsfragen, noch dazu in einem Bereich, bei dem es um Menschen in einer Position der Schwäche geht, beispielsweise aufgrund ihres Alters»75.

Gemäss diesen zwei Entscheiden zur Konkretisierung von Grundrechten ist nicht ausgeschlossen, dass die schweizerische Rechtsprechung bei der Auslegung des internen schweizerischen Rechts völkerrechtliche Normen heranzieht, die nicht direkt anwendbar sind (Auslegung vereinbar mit den Grundrechten)76.

C. Bundesgerichtliche Praxis bezüglich ILO-Normen

Im ILO-Recht gibt es kein Grundprinzip, wonach die Bestimmungen der Übereinkommen «self-executing» sind77. Wie wir gesehen haben, ist die Entscheidung, ob eine Norm direkt anwendbar ist oder nicht, eine Frage der Auslegung, die jedem Staat, der das völkerrechtliche Abkommen ratifiziert hat, selbst überlassen ist78. In der Schweiz liefert der Bundesrat in Botschaften bezüglich der Ratifizierung manchmal eine a priori-Beurteilung79. So war er beispielsweise der Meinung, dass Art. 2 des Übereinkommens Nr. 138 über das Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung80 oder Art. 4 des Übereinkommens Nr. 87 über die Vereinigungsfreiheit und den Schutz des Vereinigungsrechtes81 direkt anwendbar seien. Grundsätzlich meint der Bundesrat aber, dass sich die Bestimmungen der ILO-Übereinkommen, für welche er die Ratifizierung vorschlägt, an die ratifizierenden Staaten richten und dass sie nicht direkt anwendbar sind82. Zudem bestehen in der Lehre verschiedene Ansichten über die allgemeine Beurteilung und die direkte Anwendbarkeit der einen oder anderen Norm. Gemäss der vorherrschenden Doktrin richten sich die Bestimmungen der ILO-Übereinkommen grundsätzlich an den Gesetzgeber und besitzen oft zu wenig klaren und bestimmten Inhalt, um als direkt anwendbar gelten zu können 83 . Die Autoren betonen insbesondere, dass der Charakter der ILO-

75BGE 144 II 56, E. 5.2. Französischer Originaltext: «Le fait qu’un traité international ne soit pas d’application directe

n’implique nullement que le juge suisse puisse simplement ignorer son inexistence. Il en va spécialement ainsi dans les matières relatives aux droits de l’homme, qui plus est dans un domaine où l’on a affaire à des personnes en état de faiblesse, par exemple au regard de leur âge».

76Ulrich Häfelin, Walter Haller, Helen Keller und Daniela Thurnherr (Fn. 49), N 1894; Nesa Zimmermann (Fn. 63), S.

216.

77Jean-Philippe Dunand und Aurélien Witzig (Fn. 16), S. 156.

78Im Kontext der ILO vgl. Aude Guillot, OIT: Quelles applications judiciaires des NIT? Chisinau 2021, S. 10 ff.

79Vgl. Valérie Berset Bircher und Anne Meier, L’impact du droit international en droit suisse du travail, in: Wyler

(Hrsg.), Panorama III en droit du travail – Recueil d’études réalisées par des praticiens, Bern 2017, S. 596.

80Vgl. BBl 1974 I 1577, 1585. Diese Bestimmung legt das Mindestalter der Zulassung zur Arbeit auf 15 Jahre fest, mit

einer Möglichkeit für die Staaten, deren Wirtschaft und schulische Einrichtungen ungenügend entwickelt sind, das Mindestalter anfangs auf 14 Jahre festzusetzen. Das Übereinkommen Nr. 138 ist für die Schweiz am 17. August 2000 in Kraft getreten. (SR 0.822.723.8).

81Vgl. BBl 1974 I 1577, 1599. Diese Bestimmung lautet wie folgt: «Die Organisationen der Arbeitnehmer und der

Arbeitgeber dürfen im Verwaltungswege weder aufgelöst noch zeitweilig eingestellt werden». Das Übereinkommen Nr. 87 ist für die Schweiz am 25. März 1976 in Kraft getreten (SR 0.822.719.7). Siehe auch BBl 2012 3921, 3926, bezüglich des Übereinkommens Nr. 122 über die Beschäftigungspolitik, das für die Schweiz am 11. Februar 2014 in Kraft getreten ist (SR 0.822.722.2).

82Vgl. Beispielsweise die Botschaft zum Übereinkommen (Nr. 154) über die Förderung von Kollektivverhandlungen

vom 24. November 1982, in: BBl 1983 I 25, 33: «Weil sich die Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation an die ratifizierenden Staaten richten und den Privaten keine Pflichten auferlegen…».

83Jean-Philippe Dunand und Kim Dreyer, Protection des travailleurs, in: Hertig Randall/Hottelier (Hrsg.), Introduction

aux droits de l’homme, Genf/Zürich/Basel 2014, S. 216; Thomas Geiser, Roland Müller und Kurt Pärli (Fn. 20), N 2a;