Erläuternder Bericht
Vernehmlassung 2018/49: Bundesgesetz über die Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung · 38 Seiten
Fedlex · Erläuternder Bericht · Seite 9Fedlex · Erläuternder Bericht
Erläuternder Bericht zum Vorentwurf des Bundesgesetzes über die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit
und Angehörigenbetreuung
Dies führt dazu, dass immer mehr Personen über längere Zeit mit Gesundheitsbeeinträchtigungen leben und bei einer akuten Verschlechterung des Gesundheitszustandes aber oft auch im täglichen Leben auf Hilfestellungen durch professionelle Pflege- und Betreuungsdienste und/oder durch Angehörige oder andere nahestehende Personen angewiesen sind.6
Die letzte Lebensphase
Unabhängig vom Alter der kranken und pflegebedürftigen Personen beansprucht auch die letzte Lebensphase viel Betreuung und Pflege durch die Angehörigen. Aus einer Studie im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 67 «Lebensende» geht hervor, dass für den Erhalt der Lebensqualität der Sterbenden die Angehörigen am wichtigsten sind.7 Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der Todesfälle von 64‘200 im Jahr 2015 auf rund 83‘200 im Jahr 2035 ansteigen.8 Bei etwa 60 Prozent der Todesfälle ging eine schwere, fortschreitende Krankheit (z.B. Krebs) voraus. Die Krankheitsphase kann unterschiedlich lange sein. Bei Demenz kann sie je nach Krankheitsform und Verlauf bis zu zehn Jahre dauern.9
Inanspruchnahme von Pflege- und Betreuungsleistungen
Die Inanspruchnahme der Leistungen von Organisationen der Krankenpflege und Hilfe zu Hause (z.B. Spitex-Organisationen) ist ein wichtiger Indikator für den Bedarf von Betreuung und Pflege zu Hause. Aus der Statistik «Hilfe und Pflege zu Hause» des BFS geht hervor, dass die Inanspruchnahme der Leistungen seit 2011 stetig zunimmt. Von 2011 bis 2016 sind die Spitex-Leistungen (Anzahl Klientinnen und Klienten) um rund 35 Prozent angestiegen: Im Jahr 2011 wurden in der Schweiz gut 250’00 Personen von der Spitex gepflegt und betreut. 2016 waren es knapp 340‘000 Personen.10 Dies entspricht knapp vier Prozent der Gesamtbevölkerung. 2016 waren gut 44 Prozent der Hilfesuchenden 80 Jahre oder älter. Bei rund zwei von drei Klientinnen und Klienten handelt es sich um Frauen. Eine unterstützungsbedürftige Person nimmt oft sowohl Pflege als auch hauswirtschaftliche Hilfe in Anspruch: Im Jahr 2016 wurden pro Klientin oder Klient für Pflegeleistungen durchschnittlich 52 Stunden und für Leistungen der Hauswirtschaft und Sozialbetreuung durchschnittlich 51 Stunden verrechnet.11
1.1.3 Gesellschaftspolitische Herausforderungen
Neben der professionellen und institutionellen Betreuung und Pflege stellt die unentgeltliche Betreuung und Pflege durch Angehörige oder nahestehende Personen eine wichtige gesellschaftliche Ressource dar. Pflege- und Betreuungsaufgaben sollen für diejenigen, die sie leisten, nicht zu einem Armutsrisiko werden.12 Aus einer internationalen Studie, an der sich die Schweiz beteiligte, geht hervor, dass Eltern von an Krebs erkrankten Kindern über ein niedrigeres Haushaltseinkommen und ein höheres Armutsrisiko berichten. Besonders gefährdet sind Eltern mit einem niedrigen Bildungstand.13
Im Vordergrund stehen deshalb insbesondere Massnahmen zu Förderung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung. Diese Massnahmen sind auch deshalb unumgänglich, weil Frauen, die früher mehrheitlich unentgeltliche Pflege- und Betreuungsaufgaben übernommen haben, heute grösstenteils im Erwerbsleben stehen. Seit 1991 steigt die Erwerbsquote der Frauen im Alter von
6 Berthod Marc-Antoine, Papadaniel Yannis, Brzak Nicole. Les proches aidants: entre monde du travail et accompagnement de fin de vie, Lay Summary, End of Life National Research Programme NRP 67, Lausanne 2016.
7 Borasio Gian D., Bernard Mathieu, Gamondi Palmesin Claudia. Meaning in life, personal values, and spirituality at the end of life. Lay Summary, End of Life National Research Programme NRP 67, Lausanne 2016.
8 Bundesamt für Statistik (BFS): Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2015–2045. Neuchâtel, 2015, S. 9.
9 <https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/themen/strategien-politik/nationale-gesundheitsstrategien/nationale-demenzstrategie.html> Stand: 25. Februar 2018.
10 <https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/erhebungen/spitex.html> Stand: 26. Februar 2018.
11 <https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitswesen/hilfe-pflege-hause.html> Stand: 14. März 2018.
12 Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG. Anerkennung und Aufwertung der Care-Arbeit – Impulse aus Sicht der Gleichstellung. Bern, 2010.
13 Mader Luzius, Roser Katharina, Baenziger Julia et al. Household income and risk-of-poverty of parents of long-term childhood cancer survivors. Pediatr Blood Cancer 2017; Aug;64(8): 326245