Das Verfahren vor dem Berner Kindes- und Erwachsenenschutzgericht
- Herausgeber/innen
- Daniel Huerlimann, Marc Thommen
- Reihe
- sui generis 012
- Verlag
- sui generis Verlag
- Sprache
- Deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0 ↗
- DOI
- 10.38107/012
3.Anfechtbare Entscheide
3.1End-, Teil- und Zwischenentscheide
Das Bundesgerichtsgesetz unterscheidet zwischen Endentscheiden (Art. 90 501 BGG), Teilentscheiden (Art. 91 BGG) sowie Vor- und Zwischenentscheiden (Art. 92 und 93 BGG). Während gegen End-, Teil- sowie selbständig eröffnete Vor- und Zwischenentscheide über die Zuständigkeit und den Ausstand die Beschwerde in Zivilsachen zulässig ist (Art. 90 bis 92 BGG), können andere 654 Urteil des Bundesgerichts 5A_629/2015 vom 27. März 2017 E. 1.3. Hierbei handelte es sich um eine Beistandschaft nach Art. 394 ZGB. Fraglich scheint dagegen, ob die Verfahrensbestimmungen von Art. 314abisund Art. 449a ZGB (dazu oben Rz. 98 ff.) im Verfahren vor Bundesgericht zur Anwendung gelangen, da das Verfahren vor diesem Gericht grundsätzlich allein durch das Bundesgerichtsgesetz geregelt wird (Art. 29 ff. BGG und dazu etwa Urteil des Bundesgerichts 5A_711/2019 vom 23. September 2019 E. 1; zur gleichgelagerten Problematik bei der Parallelbestimmung von Art. 299 ZPO vgl. Urteil 5A_103/2018 und 5A_111/2018 vom 6. November 2018 E. 1.4 m.H.; verneinend etwa Maranta/Auer/Marti [2018], N. 3 zu Art. 449a ZGB m.H.). Das Bundesgerichtsgesetz sieht für die Ernennung einer spezifischen Kindesvertretung indes keine Möglichkeit vor. Dennoch lässt das Bundesgericht es in der Praxis zu, dass der bereits früher ernannte (Kindes-)Vertreter sein Amt auch im bundesgerichtlichen Verfahren ausübt (Urteile des Bundesgerichts 5A_342/2018 vom 25. September 2018 E. 3; 5A_529/2014 vom 18. Februar 2015 E. 8.3; vgl. auch Urteil des Bundesgerichts 5A_232/2016 vom 6. Juni 2016 E. 1).
655 Güngerich (2015), N. 2 zu Art. 41 BGG; vgl. dazu Urteile des Bundesgerichts 6B_409/2019
vom 24. Juni 2019 E. 2; 6B_44/2019 vom 27. März 2019 E. 5; 5A_1012/2017 vom 25. Juni 2018 E. 5.
656 Dazu oben Rz. 499.
657 BGFA.
658 Art. 40 Abs. 1 BGG; diese Bestimmung gelangt für sämtliche der Beschwerde in Zivil-
sachen unterliegenden Angelegenheiten zur Anwendung: BGE 134 III 520 E. 1; Urteil des Bundesgerichts 5A_881/2013 vom 7. April 2014 E. 4.1; vgl. weiter etwa Urteile des Bundesgerichts 5A_442/2019 vom 31. Mai 2019 E. 1; 5A_372/2019 vom 10. Mai 2019 E. 1.
— S. 174 —selbständig eröffnete Vor- und Zwischenentscheide nur angefochten werden, wenn sie einen nicht wiedergutzumachenden Nachteil bewirken können (Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG)659 oder wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit und Kosten für ein weitläufiges Beschwerdeverfahren ersparen würde (Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG)660. Die beschränkte Anfechtbarkeit solcher Entscheide liegt darin begründet, dass das Bundesgericht sich als oberste rechtsprechende Behörde in der Regel nur einmal mit der gleichen Angelegenheit befassen soll661. Andere Vor- und Zwischenentscheide als solche über die Zuständigkeit und den Ausstand sind aber jedenfalls durch Beschwerde gegen den Endentscheid anfechtbar, soweit sie sich auf dessen Inhalt auswirken662. Beschwerde geführt werden kann schliesslich gegen das unrechtmässige Verweigern oder Verzögern eines anfechtbaren Entscheids663.
502Ein Endentscheid beendet das Verfahren in der Hauptsache, sei dies aus verfahrensrechtlichen Gründen oder weil das materielle Recht zu diesem Ergebnis führt. Schliesst ein Entscheid das Verfahren nicht vollständig ab, sondern befindet er endgültig entweder nur über eines oder einige von mehreren Rechtsbegehren (objektive Klagehäufung)664 oder beendet er das Verfahren nur für einen Teil der Streitgenossen (subjektive Klagehäufung)665, liegt ein Teilentscheid vor. Der Teilentscheid ist in der Systematik des Bundesgerichtsgesetzes eine Variante des Endentscheids. Erfüllt ein Entscheid weder die Kriterien des Endentscheids noch diejenigen des Teilentscheids, handelt es sich um einen Vor- oder Zwischenentscheid666. Bei Vor- und Zwischenentscheiden folgt der Rechtsweg jenem der Hauptsache667, mithin ist entscheidend, ob dort die Beschwerde in Zivilsachen zur Verfügung steht.
659Zum Begriff des nicht wiedergutzumachenden Nachteils BGE 144 III 475 E. 1.2 S. 479; 142 III 798 E. 2.2 S. 800 f.
660Dazu BGE 143 III 290 E. 1.4 S. 295.
661BGE 144 III 253 E. 1.3 S. 254; 142 III 798 E. 2.2 S. 801.
662Art. 92 Abs. 2 und Art. 93 Abs. 3 BGG; BGE 143 III 290 E. 1.4 S. 295.
663Art. 94 BGG; Urteil des Bundesgerichts 2C_289/2018 vom 5. April 2018 E. 6.
664Art. 91 lit. a BGG.
665Art. 91 lit. b BGG.
666Zum Ganzen BGE 142 III 653 E. 1.1 S. 654 f.; 141 III 395 E. 2.2 S. 397 f.; zur Unterscheidung zwischen Vor- und Zwischenentscheiden vgl. BGE 130 III 76 E. 3.1.3 S. 79.
Bei den im Bereich des Kindes- und Erwachsenenschutzes ausgefällten Ent-503 scheide handelt es sich vielfach um Endentscheide. So bei der Anordnung einer Beistandschaft668, einer sozialpädagogischen Familienbegleitung669 oder einer fürsorgerischen Unterbringung670 sowie von ambulanten Massnahmen nach Entlassung aus einer solchen671. Ebenso bei der Erteilung der Zustimmung zu einem Geschäft nach Art. 416 ZGB672, beim Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts und der Unterbringung des Kindes673 und beim Entscheid über die Person der Beiständin674, über die Gültigkeit eines Vorsorgeauftrages675 sowie über den persönlichen Verkehr des nicht sorgeberechtigten Elternteils676 oder der Pflegeeltern677 mit einem Kind. Weiter bei den Entscheiden über die Entschädigung einer Vertreterin nach Art. 449a ZGB678 und über die Einforderung der Entschädigung eines (altrechtlichen) Beirats679. Ein Endentscheid liegt auch vor, wenn die kantonale Instanz die Berechtigung zur Anrufung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde nach Art. 419 ZGB verneint680. Zwischenentscheide stehen dagegen auch im Bereich des Kindes- und Erwachsenenschutzes zur Diskussion, wo über den Ausstand eines Behörden- oder Gerichtsmitglieds zu befinden ist681 und wo eine vorsorgliche Massnahme in Streit steht682. Ebenfalls beim Entscheid — S. 176 —über die unentgeltliche Rechtspflege683, über die Einsicht in die Verfahrensakten684 und über die Anordnung eines Gutachtens im Kindes- und Erwachsenenschutzverfahren685.
668Urteile des Bundesgerichts 5A_770/2018 vom 6. März 2019 E. 1; 5A_438/2018 vom 30. Oktober 2018 E. 1.1.
669Urteil des Bundesgerichts 5A_87/2019 vom 26. März 2019 E. 1.2.
670Urteil des Bundesgerichts 5A_83/2017 vom 23. Februar 2017 E. 1.1, nicht publ. in: BGE 143 III 189.
671Urteil des Bundesgerichts 5A_662/2019 vom 25. September 2019 E. 1.
672Urteil des Bundesgerichts 5A_165/2019 vom 16. August 2019 E. 1.1.
673Urteile des Bundesgerichts 5A_379/2019 vom 26. September 2019 E. 1; 5A_550/2016 vom 3. Februar 2017 E. 1.1.
674Urteil des Bundesgerichts 5A_310/2016 vom 3. März 2017 E. 1.1.
675Urteil des Bundesgerichts 5A_559/2016 vom 1. März 2017 E. 1.
676Urteil des Bundesgerichts 5A_353/2017 vom 30. August 2017 E. 1.1.
677Urteil des Bundesgerichts 5A_483/2017 und 5A_484/2017 vom 6. November 2017 E. 1.2.
678Urteil des Bundesgerichts 5A_327/2016 vom 1. Mai 2017 E. 1.1, nicht publ. in: BGE 143 III 183.
679Urteil des Bundesgerichts 5A_503/2016 vom 23. Dezember 2016 E. 1.1.
680Urteil des Bundesgerichts 5A_562/2016 vom 15. Dezember 2016 E. 1.1.
681Urteile des Bundesgerichts 5A_715/2017 vom 16. Oktober 2017 E. 1; 5A_930/2016 vom 17. Januar 2017 E. 1; 5A_462/2016 vom 1. September 2016 E. 1.
682Urteile des Bundesgerichts 5A_514/2018 vom 20. Februar 2019 E. 1.2; 5A_440/2017 vom 14. Juni 2017 E. 1.